Skip to main content

Full text of "Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



s;»^ 





^ 



t 



I 



I 



} 



/ 



' I n 



DIE KORNDÄMONEN. 



BEITRAG 



ZUR GERMANISCHEN SITTENKÜNDE 



VON 



WILHELM MAKNHABDT 

Dr. phil., Privatdocent der Berliner UniTersität, Mitglied des Gelehrtenaasschussee des 
german. Mnseitms zu Nürnberg, der Gesellscliaft f. deutsche Sprache zu Berlin , der 
aipch&ologiselien Gesellsebaft zn Moskau, corresp. Mitgl. des Vereins i, Siebenbirgsche 
Landeskunde, der gelehrten esthnischen Gesellschaft zu Dorpat, der lettisch -literarischen 
Gesellschaft zu Riga und Mitau, des Geschichts- und Altertnmsvereins zu Narwa, des 
Vereins zur Kunde Oesels zu Arensburg, des Oomite Flamand de France an Dfinkirchen. 



BERLIN 

FERD. DÜMMLER'S VERLAGSBÜCHHANDLUNG 

(HARRWITZ UND SOSSHANN) 
1868. 



DIE KORNDlMONEK 



BEITRAG 



ZUR GERMANISCHEN SITTENKüNDE 



VON 



WILHELM MANNHABDT. 



BERLIN 
FERD. DÜMMLER'S VERLAGSBUCHHANDLUNG 

(HAHKWITZ UND QOSSMANN) 

1868. 



•v 



I 

t 

1 

ti 



VORWORT. 



Seit mehreren Jahren ist der Verfasser des nach* 
stehenden Au&atzes mit der Sammlung der germanischen 
Feld- und Ackergebräuche beschäftigt. Der Plan dieser 
Arbeit als Anfang eines Quellenschatzes der germanischen 
Volksüberlieferung ist in einem Vortrage niedergelegt, den 
man im Correspondenzblatt des Gesammtvereins der deut- 
schen Geschichts- und Alterthumsvereine 1865 Nov. Dec. 
nachlesen wolle. Eine einzelne Probe der begonnenen 
Ausftihrung ist in zweien Auflagen unter dem Titel: 
,,Der Roggenwolf und Eoggenhund. Betrag zur germani- 
schen Sittenkunde. Danzig, Ziemfsen" 1865. 1866 ver- 
öffentlicht. Das Bedürfiiifs, den vielen Freunden, Helfern 
und Förderern des seiner Natur nach langsam zum Ab- 
schlufs gedeihenden Werkes ein neues Lebenszeichen zu 
geben und die Aufmerksamkeit auf eine Reihe von 
Punkten zu richten, über welche Mittheilungen weiteren 
und gröfseren Materials zumal aus Landes- und Städte- 
chroniken und schwer zugänglichen Localschriften freund- 
lichst und herzlichst erbeten werden, veranlaTste das nach- 
stehende Schriftchen. Es wurde zunächst der diesjährigen 

1* 

266288 



IV 



Philologenversammlung zu Halle zum Vortrage übersandt 
und zu innigem Danke fiihlt sich der Verfasser ver- 
pflichtet flir die wohlwollende Au&ahme und ehrenvolle 
Anerkennung, welche dieser geringen Frucht seines 
Strebens in der germanistischen Section durch die Nachsicht 
der Pachgenossen zu Theil wurde. 

Während im ,, Roggenwolf" die Darlegung der 
Methode des Unternehmens an einem einzelnen Bei- 
spiele beabsichtigt wurde, unternimmt es der vorliegende 
Aufiatz, die wichtigeren Gesammtresultate eines schon 
gröiser^i Theilei» der Arbeit zuir Anschauimg zu bringen. 
Zwar sind nur die iu&erBten Spitzen tsid Umrisse dgr 
gewonnenen Ergebnisse bertdirt uivd auch die Anmeribein^ 
gea — einzig rnnd allein zur nächsten Orientirung be- 
stimmt — tragen denselben skizzenhaften Charakter, da 
der Veröfientlichung der Sammlaxig selbst die Anführung 
fl&nmtlicfaer QrigixidMb^lieferangen, Zet^isse, Belege, 
AnsfUirungen und UntersuchiEngen vorbehalten werde» 
anuls. 

Gbewoimeu sibet sind die mitgetheilten^ !ßrgebiiisse 
auf demselben Wege, den die Untersuchung (Zeugnifs sa 
Zeugnife reihend) bei dem Roggenwolfe innehielt. Das 
dem Ver&sser vorliegende Material bildet &ist alle übrigen* 
Thierdämonen mehr oder minder voUstäsdige ÜberKefe*- 
nmgsketten, wdiehe den vom Roggenwolfe, Koggenhunde, 
der Roggensau und dem Getreidehahn beigebrachten ge- 
nau parallel laufen und sich so gegenseitig bestätigen. 
Auch bei d^ so gewählten Form dieser Mittheilungen 
werden die ans mehreren Tausenden a/of denselben Punkt 
handschriftlk^r An&eidinungen, weldbe* riel- 



fach durch die Literatur bewährt werden, gewonnenen 
neuen Gesichtspunkte zmnal denjenigen unter den Mit* 
forschem nicht unwerth erscheinen, welche im Begriff 
stehen, sich durch Bearbeitung der localen Tradition eines 
kleineren Gebiets ein hoch anzuBchlagendes Verdienst zu 
erwerben. Mögen sie auch ihrerseits prüfen, ob meine 
Schlüsse gegenüber den Einzelheiten ihrer heimischen 
Überlieferung Stich halten. In den Hauptsachen vermeine 
ich hinsichtlich der Komdämonen selbst, der Laubeinklei- 
dung im Frühjahr und der in der Weihnachtzeit um- 
ziehenden Gestalten meine AufiFassung durch eine Fülle 
ineinandergreifender Zeugnisse gesichert; was ich hin- 
sichtlich der Schatzhüter und Dorfgespenster angemerkt, 
bedarf zur überzeugenden und die einzelnen Fälle schei- 
denden Begründung der breiteren Auseinandersetzung der 
Hortsagen und der Seelenlehre. Hier nur so viel, dafs 
die Gesammtheit unserer Überlieferungen meine Erwägun- 
gen auch bei stäts erneuter Betrachtung von verschiedenen 
Ausgangspunkten her zu den bereits in meinen Gennan. 
Mythenforsch., S. 720 ff., ausgesprochenen Grundan* 
fichauungen zurückfuhrt. Wir begegnen in unseren Sagen 
und Sitten theüs thier-, theils menschenartigen Geistern, 
welche a) Seelen Verstorbener sind, b) sowohl in den ele- 
mentaren Erscheinungen des EUmmels (Wolken, Gewitter, 
Wind und Sonnenschein), als auch c) im Erdleben ge- 
schäftig walten, zugleich aber d) als Hüter der Familie, 
des Hauses, des Dorfes u. s. w. in Stall, Scheune und 
Vorrathskammem wirksam gedacht werden. Unsere Sagen 
haben diesen einheitlichen Gedanken groisentheils au%e- 
löst und heben nun bald die einen, bald die anderen 



VI 



dieser Wesensseiten hervor, so dafs z. B. folgende Ver- 
bindungen entstehen: 

1) Seelen = Wettererscheinungen, 

2) Wettererscheinungen = Seelen, 

3) Seelen = Dämonen des Erdlebens, der Frucht- 
barkeit, 

4) Dämonen den Fruchtbarkeit = Seelen, 

5) Seelen = Hausgeister, Dorfgeister, 

6) Hausgeister = Seelen, 

7) Wettererscheinungen = Geister des Erdlebens, 

8) Geister des Erdlebens = Seelen, 

9) Wettererscheinungen = Hausgeister, Dorfgeister, 

10) Hausgeister = Wettererscheinungen, 

11) Geister des Erdlebens = Hausgeister, 

12) Hausgeister == Dämonen des Erdlebens. 
Zuweilen sind je drei, selten alle vier dieser Factoren 

von der Sage zu einem Ganzen verbunden. 

Es möge gestattet sein, an dieser Stelle noch einige 
Bemerkungen niederzulegen, die sich mit Wahrscheinlich- 
keit aus der nachstehenden Abhandlung ergeben. 

I. Unsere Sagen und Gebräuche enthalten vielfach 
die Reste ein und derselben Überlieferung, von welcher 
die der Märchen sich gröfstentheils in weiterem Ab- 
stände entfernt. Die einzelnen Stücke jener Überlieferung 
schliefsen sich zu einem ineinandergreifenden Ganzen zu- 
sammen, welches nicht den Charakter eines künstlichen 
consequenten Systems trägt, bei aller Flüssigkeit und 
manchen Widersprüchen im Einzelnen jedoch eine feste 
ideelle und grofsentheils auch reelle Einheit darstellt. Es 
walten hier dieselben Gesetze, nach welchen den Rhapso- 



vn 



den unbewufst die einzelnen Lieder des Volksepos als 
Einheit im Volke entstehen und leben, ehe sie durch die 
Hand des Diaskeuasten auch äufserlich zusammengefiigt 
werden. 

n. Ursprünglich und bis in späte Zeit liefen im ger- 
manischen Volksglauben theriomorphische und anthropomor- 
phische Dämonen ohne wesenhaften Unterschied neben 
einander her. Erst allmählich und in später Zeit gewannen 
letztere die Oberhand und drängten jene in den Hinter- 
grund zurück. In unseren Feld- und Ackergebräuchen 
spricht sich diese jüngere Entwickelungsstufe darin aus, 
dafs sehr häufig dort, wo der Name des Dämons auf thie- 
rische Gestalt hinweist, die ihn darstellende Komfigur 
menschliche Bildung trägt. 

ni. Die von Tag zu Tage wachsende Anzahl von 
Zeugnissen, welche eine Übereinstimmung unserer Volks- 
traditionen (in Märchen, Sage, Aberglauben) mit denen 
zum Theil ganz entfernt wohnender Völker bekunden, 
mufs uns in hohem Grade mistrauisch und zweifelnd 
machen, ob wir darin irgendwo wirkliche Reste des 
Glaubens unserer nationalen heidnischen Vorzeit besitzen. 
Es ist darum wichtig, die feste Stelle zu finden, welche 
bestimmte Überlieferungsreihen gegenüber den unbestreit- 
bar echten Denkmälern germanischer Mythologie in den 
Sögur und der Edda einnehmen. In dieser Beziehung 
dürften die nachstehenden Beobachtungen lehrreich sein. 
Der sichere Nachweis, dafs alle übrigen Komdämonen in 
der Hauptsache den Gestalten der wilden Jagd und des 
wüthenden Heeres (Odens Jagd, Aaskareia) wesensgleich, 
d. h. Personifikationen von Wind- und Wettererscheinungen 



rm 



fi^d, bewAbr^ cU& 04ep@ mfA Wodans Naioe in d^n d^ßt^ 
9(^e^ i^|d schwedische l^r^^g^r^uchen i4t iii^d Qcht fKej 
mi4 d^ ^eß^ gaiia6 S<^chii yon YQU^aberli^erungoii loijt 
Fug fiir die Mythologie unserer Vorväter in Ansp}:^^ sovi 
j^ßbj^fofi ii|t Ngch fi^s^ wird dieses £2rg^b|iils durch 
o^lfffaql^e Üb^bleübiid eines wirUicbe religiosc^n Ci}bsNV 
^ ^ei\ Komdämonei^ geweiht war und über welcbeia wir 
ßiß i^i^undHches gleichzeitiges Zeugnifs aus der heiduis^t^n 
^ppo^e eines benachbarteii und verwandten Stammes ^i* 
}^t^. Dais unsere deutschep ^nd skandinaviacben Ff^ 
^pd Ackergebräuche nicht häufiger an die unmittelbare^ 
Übcjrliefenmgep der nordiscbep ßeidenzei^ Tlibreiii, ^ßgjk 
^beüs daran, daTs die uns erhatlienen Qn^Uen der ACEtliscbQ9 
Mythologie vorzugsweise die Anschauung kriegerisQhjSf 
£4eln, k^um jemals die religiöse Übung des Lapdmanns 
zu \ipserer Kpnde briAgen, theils an deren an sich g^ 
ifingepi ymfS^nge. Gleichwol werden wir bei Veröfflentr 
lichung der vollständigen Samoüung mehrfach Gelegen* 
beit finden, den ZJusammenhang des agrarischen Glaubens^ 
der Gebräuche und Sagen unseres Landvolks mit ^m 
^eugpiiSPe^ der Edda und Sögnr nachzuweisen. Auf eint 
solche Übereinstimmung werde hier beispielsweise nah^r 
eingegangen. Unsere Boggensau, die schwedische Gl aso^ 
ist zweifellos identisch mit Freys (Freyjas) goldborstig^m 
ßber, von dem es Hyndlul. 7 heifst: „göltr glöar, guUin-r 
bursti, hildisvini^. ' Ist die Boggensau (s. Roggenwolf 
nnd Boggenhund S. 1. ^) nichts Anderes als die Windsau, 
wie sie unter Ai^deren Alpenbnrg (Mythen u. Sag, Tirote 
§. 69, ^^0. 8, 213. Na 7—9) schildert, so trifft die Schilr 
^erung. der SMlda von Freys Eber zu: „at bann m&tti 



s 



Tfinoft iopt ok leg ttßtt ck dag mmra, en h^err l&estr, ok 
ladri «ir« ara myrkt af nött «ffa i myrkheimum, at eigi v«i 
mrü Ijöfsk par er hann fär, 8¥a IffAi af bnratiimi (Sküldskapym 
35« So. £• A. I. 344)^. Boggensau und Giom Bch^iken 
Fruchtibarkeit des Ackerg, dem "Freyr ward „til irs^ ge^ 
op&ft, »hann rotfr fyrir regni ok skini s61ar ok par meflT 
avesti joröar (Gyl£ag. 24. Sisi. E. I. 96)"«. Die Gloao, die 
deuteohe Adventskram u. s. w. gehen, wie die son^ige^ 
DorOMere, vorzugsweise zur Weihnaejit^t um, ein gold«- 
borstiger Eber wurde der Frejja zur Julzeit um FrucUr 
barkeit des Jahres als Opfer dargebracht. Alle diese 
Züge treffen zusammen, om die Gloso, das Roggensdiwei|i 
und den Frejseber als ein und dasselbe mythische Wesen 
erscheinen zu lassen. Gleichwol würde maa fehlgehe^, 
wollte man dje schwedische GI090, die deutsche Roggeur 
sau &it das geheiligte Thier de^ Freyr, oder gar eines 
durch kein Zeugnifs belegten deutschen Gottes Fro er^ 
klären; sie beide sind selbständige Thierdämonep, deren 
einer (der skandinavische) im Fortschritte des religiösen 
Bewuistseins zu den Gottern der Fruchtbarkeit,^ Freyr und 
Freyja, in ein näheres Yerhältnifs trat und darum auch 
ihnen geopfert wurde, grade so wie die Tödtung des 
Getreidehahns, die ursprünglich blofse Nachahmung der 
y^micbtung des Dämons im Komschnitt war, in der Sitte 
nahezu den Charakter eines Opfers annimmt. Wenn nach 
einer Sage auf der Gloso „en Uten gubbe med röd pinn^ 
bätta^ reitet, so sehen wir sie mit einem anthropomort 
phischen Kobold in ähnlicher Weise verbunden, wie in 
den Sagen vom wüthenden Heer und der wilden Jagd 
menschlich gestaltete Geister und Schweine oder Hunde 



mit einander um&.liren; zwei verschiedene Naturbilder 
fikr ein und dasselbe Phänomen sind combinirt Analog 
tragen auch die aus Holz, Komhahnen u. s. w. verfertigten 
Darstellungen anderer Eomdämonen, z. B. des Halmbockes, 
in Deutschland mitunter einen Reiter. Auch kann eine 
solche Combination bereits in hohes Alter hinaufreichen. 
Seit Malte Brun hat man allgemein mit Freys und Frey- 
jas goldborstigem Eber, der im HyndluljoöT das Beiwort 
hildisvini empföngt (unzweifelhaft, weil Freyja riör til vigs, 
pa a hon hälfan val), die Angabe des Tacitus über die 
Verehrung der Göttermutter bei den Vorfahren des letto- 
preufsischen Stammes den Aestyern verglichen: „Matrem 
deum venerantur. Insigne superstitionis formas aprorum 
gestaut id pro armis omniumque tutela securum deae cul- 
torem etiam inter hostis praestat" (Genn. 45). Eberbilder, 
sei es als Helmschmuck, sei es sonst als Amulete getra- 
gen, dienten statt aller Waffen zum Schutz selbst unter 
Feinden, offenbar weil diese den Glauben -an die vernich- 
tende Kraft des innewohnenden Dämons theilten. Die 
mater deum ist doch wol als eine Göttin des Erdlebens 
zu fassen; mithin mag es nicht unwahrscheinlich sein, dafs 
der ihr heilige Eber ein Sturm- und Gewitterthier (Wind- 
sau) war. 

In den uns erhaltenen späteren Quellen der letto- 
preufsischen Mythologie suchen wir vergeblich dieses 
Wesen; das Schwein erscheint darin nur als Opferthier, 
zumal beim Erntefest und ähnlichen Gelegenheiten, unter 
Umständen jedoch (Erschlagen durch Knüttel), welche die 
Vermuthung begründen können, dafs hier die symbolische 
Tödtung eines Korndämons in ein Opfer übergegangen 



XI 



sein möge. Dagegen begegnen uns in skandinavischen 
Sögur mehrere halbverschollene Kunden aus grauer Vor- 
zeit, wonach König ögvaldr .von Rogaland in Norwegen, 
König Eysteinn Beli von Sviariki, die Einwohner von 
Hvitaby Kühen göttliche Verehrung gezollt hätten; man 
erfahrt, dafs die angebetete Kuh in die Schlacht mit- 
genommen wurde und durch ihr Gebrüll die Feinde 
schrecken sollte. Noch zu Olaf Tryggvasons Zeit opferte 
ein gewisser Harekr bei Throndheim einem Kinde. Da 
wir jetzt Eber und Kuh als zwei ganz parallele Ge- 
staltungen des Wetter- und Komdämons zu erkennen 
vermögen, da unsere agrarischen Bräuche uns ver- 
gewissern, dafs auch lebende Thiere (vgl. den 
Bauthahn, die Mooskuh) als Verkörperungen jenes gött- 
lichen Wesens gehegt wurden, stellen sich jene göttlich 
verehrten Kühe des Nordens den Eberbildem der Aestyer 
eng zur Seite. 

IV. Noch eine andere Mittheilung eines alten Schrift- 
stellers möchte man versucht sein, aus dem Zusammenhange 
der nachstehenden Erörterungen heraus zu deuten. Be- 
kanntlich berichtet Caesar (B. G. VI. 16) von den Galliern: 
„Alii immani magnitudine simulacra habent, quorum con- 
texta viminibus membra vivis hominibus complent, quibus 
succensis circumventi flammis exanimantur homines". Die 
Götzenbilder, deren aus Baumreisem geflochtene Glieder 
jedesmal von den entsprechenden Körpertheilen eines hin- 
eingesteckten Menschen ausgefüllt wurden — so fasse ich 
die schwierige Stelle auf — vergleichen sich den Gestellen 
aus schlanken biegsamen Birkenreisern mit Laub umwun- 
den, oder aus Stangen und Latten mit Tannenzweigen um- 



Ueidet, in welehe man bei den Frühlingsgebräuchen (TgL 
z. B. Panzer, Beitr. I. 234 ; Birlinger, Volksth. a. Schw. IL 
114, 144) die Personen zu etecken pflegt, die den einge* 
hohen Pflanzendämon darstellen, den oft 8 — 10 Fuis hohen 
Kompuppen, in die man zur Erntezeit einen Knecht oder 
eine Magd als Repräsentanten des Getreidedämons hin- 
einbindet. Die Verbrennung dies^ Wesen glaubte ich in 
den Oster-, Mai-* und Johannisfeuem nachweisen zu können. 
Wir haben Nachrichten, dafe in solchen Feuern sowohl 
Puppen (den Erbsenbär u. s. w. darstellend), Strohmänner 
(vgl. z. B. Birlinger, Volksth. a. Sohw. ü. 100, 128 Engel- 
mannsköpfen), Pferdehäupter, grüne Zweige, als auch an 
andern Orten lebende Thiere (Kühe, Kalber, Eichhörnchen, 
Katzen, Füchse) verbrannt wurden (vgl. Myth. 2, 575. 576. 
685), ja J. Grrimm (Myth. 2. 580) weist nach, dafs das 
Hindurchlaufen oder EGndurchtreiben von Menschen und 
Thieren durch die Flammen solcher Nothfeuer nicht über^ 
all den Charakter der Lustration, sondern mehrfach den 
der Milderung eines barbarischen Opfers trage. Wenn nun 
vorzugsweise aus celtischen Landschaften in Schottland und 
Frankreich die Verbrennung von Thieren im Bealtine und 
Johannisfeuer noch bis auf neuere Zeit nachweisbar ist, 
liegt nicht die Vermuthung nahe, dafs der von Caesar be-' 
richtete gallische Brauch, den wol jede einzelne Markge«^ 
nossenschaft fbr sich übte, die Tödtung des anthropomor-« 
phischen Dämons der Vegetation zur Sonnenwende de9 
Sommers oder an einem andern grofsen Jahresfeste dar^ 
stellen sollte! Wol nach Posidonius gibt Strabo die 
Schilderung einer der cäsarisohen verwandten Sitte: 
xai xaTaaxeuaaavxec xoXoaa&v ^oproü, xal SuXov l^ißa- 



X^ntt^ tU tf>dröv, ^oa%ii\utxa xAl ^p{a itotVTotoc xal dv&p(6- 
itotx &X6«aut^ov« Str^ geogr« C. 198^ was Meineke beeserts 
xal S^XcDVf £fjkßaX6vt8c 32? tou'Odv ß^axi^fiara, Ao. loh 
»löclite SdXa vofsdilag^n und atmehmen^ dafs man neben 
d«m Heumanne Tbiere und Menschen in die Flammen 
warf. 

Zu dem Riesenkerl aus Heu vergleiche die Heu- 
puppe bei Beendigung der Mäht (Kuhn, westf. Sag. H. 
175, 484). 

Unserer Auffassung widerspricht nicht, dafs Diodor. 
Sic. V. 32 ähnlichen Brauch von einem fönQährig wieder- 
kehrenden Feste meldet. Wie die böotischen Dädalen nur 
alle 7 Jahre gefeiert wurden, obgleich sie die jährliche Braut- 
schaft des Zeus mit der Hera im Lenze versinnbildlichten, 
konnte sehr wol jene gallische Feier, wenn sie etwa aus 
einem jährlichen Naturfest der Dorfschaft zur staatlichen 
Cultushandlung eines ganzen Gaus geworden und dabei 
mit Verdunkelung ihres ursprünglichen Sinnes ins Colos- 
sale ausgeartet war, wegen des grofsen Apparates an 
menschlichen Opfern auf gröfsere Zwischenräume be- 
schränkt sein. 

Wenn ich trotz der mehrfachen Schwierigkeiten, die 
sich meiner Auslegung entgegenstellen, auf die Gefahr des 
Lrthums hin die vorstehenden Yermuthuhgen nicht zurück- 
halte, so geschieht es, weil die Sache mir werth scheint, 
eine tiefere Untersuchung anzuregen, die sich zunächst 
darüber ins Klare zu setzen hätte, in wie weit die Nach- 
richten der genannten Schriftsteller über druidischen 
Cultus auf gemeinsamen oder verschiedenen Quellen 
beruhen. 



XIV 



Mit dem Wunsche, dafs diese kleine Schrift nicht 
nur bei den Fachgenossen eine freundliche Aufriahme 
finden möge, verbinde ich die erneute Bitte an alle, die 
dazu im Stande sind, mich durch zuverlässige Mittheilun- 
gen in der Vollendung der übernommenen Aufgabe freund- 
lich und hilfreich fordern zu wollen. 



Danzig, im December 1867. 



Wilhelm Mannhardt. 



k 



DIE KORNDÄMONEN. 



Xnldem Wachsthum der Gräser, der Feldfrüchte, der 
Obst- und Waldbäume, kurzum in der gesammten Vege- 
tation glaubte man ehedem eine Anzahl theils thiergestal- 
tiger, theils menschenartiger Dämonen thätig, welche bei 
mancher Verschiedenheit im Einzelnen doch nur jedesmal 
ein anderer Ausdruck fiir denselben Grundgedanken zu 
sein scheinen: 

Die vorzüglichsten Thiergestalten, in welche der 
Dämon sich kleidet, sind: Hase, Hirsch, Reh, Schwein 
(Eber imd Sau), Geifs (Bock oder Ziege), Schaf, Rind, 
(Stier oder Kuh), Rofs, Esel, Bär, Wolf, Fuchs, Hund 
(Hund, Betze), Katze (Kater, Katze), Maus, Vogel, Huhn 
(Hahn, Henne), Gans (Gänserich, Gans), Storch, Schwan, 
Drache, Kröte. Mehrere dieser Gestalten sind im Volks- 
glauben schon sehr verblichen, so Hirsch, Reh, Rofs, Gans, 
Schwan; für die übrigen rinnt die Ueberlieferung voll und 
stark, so jedoch, dafs die einzelnen zu einander gehörigen 
Glieder oft weit verstreut an weit von einander abliegen- 
den Orten sich wiederfinden. Die Mehrzahl dieser Wesen 
steht in deutlich erkennbarem Zusammenhange mit ana- 
logen Auffassungen des Windes und der Wetterwolken, 
von denen ersterer fiir sich oder im Mythus von der wil- 
den Jagd z. B. als Hase, Hund, Schwein u. s. w., letztere 
als Bären, Böcke, Schafe, Kühe, Katzen, schwarze oder 
rothe Vögel u. s. w. personifizirt werden. Ins Wiesengras 
oder in das Kornfeld sah man Wind und Wolke (letztere 
im Blitz und Regenergufs) sich schadend oder befruchtend 
niederlassen. Daher die Vorstellung, dals die im Wetter 

Di« Komd&monen. 2 



waltenden Mächte in Feld und Acker ihr Wesen treiben. 
Ein sehr deutliches Beispiel ftlr diese Zusammenhänge ge- 
währt die weitverbreitete Phrase: BuUkater, Wetterkatze 
oder Kattenspör ftr Wind- und Wetterwolken. Wallt nun 
der Wind im Korne, so sagt man im Bremischen: „die 
Windkatzen laufen im Getreide, die Wetterkatzen sind 
drin", und in der Propstei bei Kiel warnt man die Kinder, 
keine Kornblumen zu suchen, damit sie der BuUkater nicht 
hasche. In der nämlichen Weise redet man voll den 
Hasen, Bären, Wölfen, Hunden, Windsauen, Böcken, die 
im Getreide gehen, wenn dasselbe in Wellen wogt oder 
„wölkt"; die Yolksphantasie sieht die oben genannten 
Thierwescn auch sonst im Getreide liegen und der Bauer 
mahnt davon ab, ihnen zu nahen. Hiebei ist zu bemer- 
ken, dafs man entweder von einem einzelnen Wesen dieser 
Art, oder von einer ganzen Schaar spricht — „der Wolf 
geht im Korn", oder „die Wölfe jagen sich im Korn", — 
grade wie in der Vedenmythologie bald von dem einen 
Dämon Vritra, bald von vielen Vritras die Rede ist. Ge- 
treu der Natur der Winde und Wolken, welche bald for- 
dernd, bald zerstörend auf die Vegetation einwirken, schreibt 
man jenen Wesen eine doppelte Verrichtung zu. Nach 
den einen nähren sie sich im Saatfelde von den Körnern 
und machen die Aehren taub, nach den andern bewirken sie 
Fülle des Getreides, und zwar entweder als männlich-zeugende 
oder weiblich -gebärende Mächte. Zur Erntezeit ist die 
Geburt vollendet. Beim Schneiden des Kornes flieht der 
Dämon von Ackerstück zu Ackerstück. Wer während der 
Emtearbeit krank wird, der ist unversehens auf das gött- 
liche Wesen gestofsen und wird för profane Berührung mit 
körperUchem Übel gestraft; ihn hat der Roggenwolf unter- 
gekriegt, der Emtebock hat ihn gestofsen. Koiümt eine 
Emtearbeiterin während dieser aUe Sinne erregenden Zeit 
zu Fall, so hat der Austbock (Emtebock) mit ihr Muth- 
willen getrieben. Endlich in den letzten Halmen des Ge- 
schnittes oder in der letzten Garbe stöfst man auf das 



Organ des zeugenden oder gebärenden Princips (im Namen 
der letzten Garbe und gewissen Gebräuchen prägt sich diese 
Anschauung deutlich aus)^ oder man wird des unsichtbaren 
Dämons selbst in aller Leibhaftigkeit habhaft. Dann rufen 
die Schnitter, in der letzten Garbe sitze der Hase, die 
Roggensau, der Halmbock, der Komwolf, der Schotenhund, 
der Komstier u. s. w. Man fordert auf sie zu fangen, 
man rühmt jubelnd sie zu haben, obgleich ein jeder sich 
scheut sie davon zu tragen, wie man heutzutage gemeinhin 
meint, weil es eine Schande sei, ehedem unzweifelhaft 
wegen Ge&hrlichkeit der Berührung. Wer den letzten 
Sensenhieb macht oder die letzte Garbe bindet, erhält den 
Namen des ergriflfenen Dämons, heifst nun selbst ein Jahr 
lang Roggenwolf, Roggensau, Haferbock, Hahn, u. s. w. 
und stellt, in Stroh eingewickelt umhergeftlhrt oder durch 
andere symbolische Handlungen das im Getreide hausende 
geisterhafte Wesen selbst dar. Aufserdem wird dieses 
häufig durch eine aus der letzten Garbe, aus Holz oder 
Pappe verfertigte Puppe in Thiergestalt nachgebildet, 
welche unter lautem Gejuchze auf dem letzten Erntewagen 
heimgefiihrt wird. Auch wo die Puppe nicht mehr Thier- 
gestalt erhält, heifst die letzte Garbe doch noch Roggen- 
wolf, Hase, Bock u. s. w., und solche Namen gehen mit- 
unter sowohl auf das letzte zur Einfahrt in die Scheune 
bestimmte Emteftider, als auch — obwohl seltener — aut 
die Hocken über, in welchen die Garben auf dem Felde 
zusammengestellt werden. Gewöhnlich nimmt man an, 
dafs in der letzten Garbe jeder Fruchtart ein Dämon ge- 
fangen werde und demgemäfs unterscheidet man einen 
Korn- oder Roggenwolf, Gerstenwolf, Haferwolf, Erbsen- 
wolf, Kartoffelwolf, mitunter aber wird die das gefangene 
Unthier darstellende Puppe nur bei der letzten Frucht der 
ganzen Ernte überhaupt verfertigt. Da nun der Roggen 
unserem Volke för das wichtigste Nahrungsmittel gilt, 
der Hafer und die JBLülsenfitlchte gemeinhin zu allerletzt 
nach allem übrigen Anbau in die Scheunen gebracht 



werden, so drängen sich bald Gestalten, wie der Roggen- 
wolf, • der Haferbock, die Habergeifs, der Erbsenbock, der 
Erbsenbär vor ihren Verwandten, dem Gerstenwolf, Kom- 
bock, Koggenbär u. s. w., so sehr in den Vordergrund^ 
dafs diese Bezeichnungen die appellative Natur verlierend 
und einem Eigennamen sich nähernd auch dann verwendet 
werden, wenn von dem in anderen Getreidearten weilen- 
den Dämon die Rede ist, wie man beispielsweise von 
einem Roggenfelde sagt, darin sitze der Erbsenbock; ja 
der Roggenwolf, die Habergeifs und der Erbsenbär ge- 
deihen zu solcher Selbständigkeit, dafs sie auch vom Pflan- 
zenleben und der Erntezeit losgelöst im Volksglauben und 
Volksbrauch, z. B. in Kinderspielen, Fastnachts- und Weih- 
nachtsaufzügen eine Rolle spielen. Die geschilderten 
Wesen entfalten jedoch nicht allein im Komwachsthmn 
ihre Wirksamkeit. Es geht das zur Genüge schon daraus 
hervor, dafs auch ein Graswolf, Pflaumenwolf, Baumesel, 
Heupudel, eine Heukatze, Kleesau neben Roggenwolf, 
Schotenhund, Komsau, Scheunesel, Kornkatze nachweisbar 
sind, und dafs Bock und BuUe um die Weihnachtszeit die 
Obstbäume befruchten sollen (de Böm bi den Bück brin- 
gen). Des Getreidedämons Name wird auf eine Anzahl 
im Korne hausender Insekten und andere wirkliche Thiere, 
ebenso auf Auswüchse der Ähren übertragen, andererseits 
nimmt ihre von vorneherein anthropopathisch gedachte Ge- 
stalt auch äufserlich einen Anlauf zur Vermenschlichung. 
Der Roggen wolf wird mit dem Werwolf identifizirt^; ein 
ÜLatzenmann, Bockmann (Bockelmann) weilt im Korn; vor 
dem Bockmann warnt man aber auch die Kinder, welche 
sich im Walde verlaufen wollen. So erfiillen deutlich die 
nämHchen satyrartigen Wesen das Leben der Äcker, der 
Wiesen und des Waldes. Ohne mit den Pflanzen selbst 
identifizirt zu werden, sind sie doch in einem sehr hohen 
Grrade an das Leben derselben gebunden. Über die Art 
und Weise, in welcher das geschieht, gehen die dem Volks- 
gebrauch zu Grunde liegenden Anschauungen jedoch aus- 



einander. Nach einer auf weitem Gebiete nachweisbaren 
' Vorstellung ist das Abschneiden des Getreides und Wiesen- 
grases zugleich der Tod des innehausenden Dämons. In 
Norwegen erschlägt, tödtet der Schnitter der letzten 
Halme den Bock, die Geifs oder den Hasen und mufs das 
"" Hasenblut in Gestalt von Getränk den Mitarbeitern aus- 
"theilen. Im Trier'schen schneidet der Letzte der Geis 
'den Hals ab; der Roggenwolf wird todtgeschlagen u. s. w. 
Dramatische Darstellungen dei* Tödtung des Dämons wur- 
' den allmählich auch aufserhalb der Erntezeit als Volksbe- 
lustigungen aufgeführt. In Pariser Parlamentsakten vom 
' Jahr 1401 ist als Spiel pikardischer Landleute erwähnt, 
mit Sicheln nach der Sau zu werfen', und schon im 
zwölften Jahrhundert wurde eine andere später in deut- 
gehen Städten sehr beliebte Form dieses Gebrauchs von 
' den Fahrenden auf der Hochzeit Garcias VI. von Navarra 
zur Schau gestellt. * Nach alter Auffassung ist aber die 
Tödtung des Korngeistes ein Frevel, der mit dem Tode 
' des Thäters gebüfst werden mufs. Daher vielfach der Aber- 
glaube, dafs der Schnitter des letzten Kornes sterben 
müsse. Nach anderer Auffassung fällt die Verantwortlich- 
keit auf den Bauerwirth als intellectuellen Urheber und afif 

• dessen Familie zurück. Ihre Häupter sind dem Tode ver- 
fallen, wenn er sich nicht durch eine Mordsühne löst. 

• Diesen Gedanken drückt* die Sitte aus in dem durch Däne- 
mark und Niedersachsen verbreiteten, in Polen wiederauf- 
taüchenden Gebrauche, dafs die' heimkehrenden Schnitter 

' die schönsten Kohlköpfe im Garten abschneiden , wofern 
"der Gutsherr nicht ihnen* entgegenschreitend mit einem 

guten Trünke oder Trinkgeld «ich loskauft. Sie vollziehen 

sinnbildlich die Tödtung nach der nätiilichen Sytobdik, 
' deren sich angeblich der thilesische Tyrann Thrasybtilos 

nüd* Tarquinius Superbui^ bedient haben sollen, indem sie 
'Kornähren und Mohnköpfe abschlugen und damit die Köjrfe 

der Ede^n in Korinth und Gabii andeuteten, welche durch 
' Henkershahd fällen sollten. ' Unser Volk%laube spricht tte- 



Ideenverbindung zwischen den Kohlköpfen und Menschen- 
häuptem auch sonst dadurch aus, daTs ein absterbender 
Kohlkopf den Tod eines Familiengliedes anzeigen soll. 

Nach der gewöhnlichen Annahme findet der Komgeist 
jedoch keineswegs durch die Sense des Schnitters seinen 
Untergang. Er lebt, solange es noch irgendwo unausge- 
kömtes Getreide gibt. In die letzte Grarbe des Aus- 
drusches sich flüchtend, wird er in dieser ergriffen. Dem- 
jenigen, welcher den letzten Drischelschlag macht, ruft 
man zu, er habe die Komsau, die Aum8au(Aum= Spreu), 
die Scheunbetze, den Dreschhund u. s. w. Die Knechte 
ermuntern einander auf die letzte Lage Getreide mit den 
Flegeln tüchtig einzuhauen, es liege der Farre (Stier) dar- 
unter, „hau göd, de Farr liggt unde!** Man mag bei 
Frischbier nachsehen, wie diese Redensart misverstanden 
zu einem albernen Histörchen von einem geizigen Pfarr- 
herm, der sich im Korn versteckt habe, Veranlassung ge- 
geben hat.*^ Wiederum wird eine Puppe in Gestalt des 
vermeintlichen Dämons verfertigt und in vielen Fällen dem 
Drescher auf den Rücken gebunden, woraus hervor- 
zugehen scheint, dafs man das Unthier als aufhockend 
sich vorstellte. Jener mufs die Puppe zu einem Nachbar 
tragen, der noch nicht mit dem Dreschen fertig ist, und 
daselbst in die Scheune werfen. Siehe da eine symbolische 
Darstellung der eingebildeten Thatsache, dafs dort, wo 
noch ungedroschenes Korn vorhanden ist, auch der Kom- 
dämon noch lebe. Mitunter freilich wird der Drescher 
selbst in das Stroh der letzten Garbe eingebunden, mit 
Namen wie Komsau, Emtebock und dergl. spottweise be- 
ehrt und als das eingefangene geisterhaflie Wesen selbst 
behandelt, indem man ihn etwa in den Schweinestall ein- 
sperrt und mit den beim Borstenvieh üblichen Lockworten 
anruft.'' Diese Wendung der Volkssitte geht bereits un- 
merklich in die andere Anschauung über, dafs der Dämon 
der Vegetation, der nun aus dem Getreide vertrieben ist, 
in Hof und Haus des Ackerwirths fortlebe und dort 



freundlich empfangen und mit frommen Bräuchen ange- 
eignet seine Segnungen verbreite. Auf dem letzten Emte- 
fuder thronend oder von der Binderin getragen wird die 
den Korngeist darstellende Figur jubelnd vom Felde her- 
eingeholt und mit schönem Spruche dem Gutsherrn über- 
reicht. Wie die Braut oder ein neues Hausthier dreimal 
den Herd umwandelt, wird der heimkehrende letzte Ernte- 
wagen oder die getragene Emtepuppe dreimal um das 
Haus oder die Scheuer geführt, oder unter allerlei Hinder- 
nissen unter die Heerdkappe getragen. Sie erhält ihren 
Platz anf der Yordiele des Herrenhauses, wird zur Seite 
der Hausthür, an dem Hausgiebel oder auf dem Dache 
befestigt imd verweilt hier, bis im nächsten Jahre eine 
neue Emtepuppe die alte ersetzt. Der Hauswirth scheut 
sich, sie vor Ablauf dieser Zeit fortzugeben, offenbar weil 
an das Verweilen des Dämons Segen GXr Haus, Scheuer 
und Vorrathskammer geknüpft war. An der First, auf 
dem Dache, zur Seite der Hausthür sollte sein Bild ver- 
muthlich zur Abwehr böser Einflüsse als Amulet dienen. 
Auch der ebengeschilderte Kreis von Vorstellungen ist 
noch nicht der letzte, der sich in den Überlieferungen vom 
Verbleiben des Komdämons unterscheiden läfst. Vielfach 
ward die Emtepuppe nur bis zur Saatzeit im Herrenhause 
aufbewahrt, dann ausgeklopft und die Körner imter das 
Saatgetreide gemengt, zum deutlichen Zeichen davon, dals 
man annahm, der Geist der Vegetation trete im nächsten 
Jahre mit dem Keimen der Pflanzen seine Verrichtungen 
im Leben der Natur wieder an. Aus diesem Gedanken 
scheinen einige Gebräuche hervorgewachsen zu sein, die 
ich anfangs geneigt war anders, und zwar als Denkmäler 
einer jüngeren fortgeschrittenen Ideenentwickelung zu be- 
urtheilen. Der Dämon — diefs bedünkt mich der Inhalt 
dieser Vorstellungen zu sein — lebt in und von dem Ge- 
treide, um seiner eigenen Ernährung willen schaffl; er 
dessen Fülle, wie die Biene zu ihrer Speise den Honig zu- 
sammenträgt. Der Mensch nimmt ihm die Früchte seiner 



8 

^Thätigkeit zum Gebrauch ftbr sich, er mufs aber wenig- 
stens einigen Rest übrig lassen, damit jener überwintern 
könne. Daher liefs man um Gardelegen einige Halme auf 
dem Acker stehen mit den Worten: „Das soll der Bock 
behalten*^. Im südlichen Schweden entspricht der deut- 
schen Roggensau die Gloso. Für sie läfst der Bauer einige 
unabgemähte Ähren auf dem Felde, einige Hände voll 
^Kom auf der Dreschdiele, einige Äpfel auf dem Bafume 
zurück mit der ausdrücklichen Bestimmung: „Das soll die 
Gloso haben", „das soll fiir die Gloso sein**. Dann witft 
er drei kleine Steine über die linke Schulter und ruft: „Hast 
du das aufgegessen, so gehe zu N. N.'s Hof*. Wer' der 
Gloso den geringen^ FruchtantheU auf dem Acker, der 
'Tenne, im Obstgarten läfst, hat im nächsten Jahre reich- 
' liehe Ernte zu erwarten. Wer das nicht thut, dem fiifst 
-sie statt dessen aus der Komscheuer. Es wird nun deut- 
lich, warum ein das Korn auf dem Speicher ausfressendes 
Insekt Komwolf genannt werden konnte. Der Verweisung 
• des Komschweins auf das Gehöft eines Nachbars liegt hier 
-deutlich die Absicht unter, diesem die Versorgung des Un- 
'thiers durch den Winter zu überlassen. Freilich mäGht 
sich daneben noch eine andere Auflassung geltend, indem 
man den Gebrauch auch „der Gloso opfern^ nennt. Das 
' Wintersolstiz gilt dem Volksglauben als die Wende des 
^Jahres. Von dort an treibt alles wieder dem Frühlinge 
"ZU und vorspukend lassen sich dann schon die Grestal- 
ten des Lenzes blicken. Die Gloso geht zu Weihnächten 
•um; jener Emtegebrauch heifst auch, der Gloso Julftitter 
geben. Von den drei auf dem Felde zurückgelassenen 
'Ähren öoll sie eine zu Christnacht, die andere Neujahrs- 
abend, die dritte heil. Dreikonigsabend haben. In den 
^ Adventswöchen wird der Umzug der Habergeis® und des 
"Erbsenbärs dramatisch nachgebildet: ^^ Es ist mehr als wahr- 
scheinlich, dafs auch die skandinavischen in den'Weih- 
nadbtsgebräuchen auftretenden Gestalten des Julgält, Jule- 
bnk und'der Julgjed (Weihnachtseber,' Weihnachtsböck, 



9 

^ Weihnachtsgeifs) " die deutschen Klapperbock ^*, Nipphaun, 
Stoppegäs^'', die polnischen Auerochsen undWölfe^*, welche 
in der Adventszeit dargestellt werden, nichts anderes als 
die in den Tagen der Wintersonnenwende rückkehrenden 

'Kcn'ndämonen bedeuten und Handelmann hat nicht Un- 
recht, wenn er als älteste Zeugnisse för sie die Vermum- 
mungen in Thiermasken zu Neujahr geltend macht, welche 
den Geistlichen des sechsten imd der folgenden Jahr- 
hunderte in Deutschland, England, Frankreich so sehr 
zum Ärgemifs gereichten.^* Es ist nun gewifs bemerkens- 
werth, dafs die nämlichen Figuren, welche zur Weih- 
nachtszeit umgehen, im Frühjahr, zu Fastnacht wieder auf- 
tauchen. Dann wird der Erbsenbär durch die Dörfer 
gefiihrt, dann liefen die Fastnachtböcke ^* u. s. w., und 
zwar stellen sie entweder schon den Dämon der neuen 

* Vegetation dar, oder sie bezeichnen den Ausgang des alten, 
wie z. B. an mehreren Orten zu Fastnacht der Erbsenbär 
verbrannt wird, offenbar in dem Gedanken, dafs jetzt im 
Lenze für seinen Nachfolger die Epoche des Antrittes ge- 
kommen sei. Wenn aber das Volk im März auf die Fel- 
der zu gehen warnt, weil darin das Märzenkalb sich ver- 
stecke, wenn von einem April-, Maiochsen die Rede ist^', in 
der sprossenden Saat das Muhkälbchen sitzen soll, wenn 
in Frühlings- oder Sommergebräuchen Personen oder Thiere 

"Namens Pfingstfochs, Pfingstkuh, Pfingsthammel, G^e- 
lamm, Gadebasse (Gassenlamm, Gasseneber) in junges 
grünes Laub eingehüllt umhergeflihrt'% wirkliche Füchse, 
Vögel u. s. w. umhergetragen werden **, so liegt die dui^ch 
verächiedene Umstände stark unterstützte Vermuthung sehr 
nahe, dafs hier die Pflanzendämonen des neuen Jahres zu 
verstehen sind, weshalb neben jenen Thierfiguren mit leiser 
Wehdung des Gedankens auch Namen wie Pfingstblume, 

"Mairöschen«» för die in Laub und Blumen gehüUten Bursche 
und Mädchen verwendet werden. Jene Geister halten 
ihre Frühlingseinfahrt in das Land, ein Zug, der sich am 

' deutlichsten in der schwäbischen Frlihlingseinhokmg des 



10 

Wasservogels ausspricht, der über das Meer (denn über 
das Meer her kommt aus der Ferne der Frühling) in 
grünem Laube daherföhrt.^^ Ihm steht in den Emtege- 
brauchen ein Weizenvogel, Rätschvogel ** zur Seite, wie der 
Pfingstmocke die KommockeP*, dem Gadebasse die Roggen- 
sau ** u. s. w. Wie schon die Ausdrücke Märzkalb, Gade- 
lamm darthun, lief neben der Auffassung, dafs die Geister 
des alten Jahres im neuen ihre Wirksamkeit wieder be- 
ginnen, eine zweite auch aus der Vorstellung vom Tode 
der Komdämonen durch Schnitterhand als nothwendige 
Consequenz folgende her, wonach sich in immer erneuten 
Zeugungen das Numen der Vegetation durch den Laut 
der Zeiten fortpflanzt. Deshalb ruft man der die Komkuh 
darstellenden Binderin der letzten Garbe zu, sie bulle, 
d. h. sie bereite sich zu neuer Empfangnifs vor. Ermattet 
eine Arbeiterin während der Ernte, so „hat sie ein Kalb ge- 
worfen". Und entfallen von dem die letzte Garbe tragen- 
den Fuder einzelne Getreidebunde, so werden '^die 
Ferkel verschüttet«. 

In einem unverkennbaren aus dem bis jetzt vorliegen- 
den Material jedoch noch nicht nach Umfang und Art voll- 
kommen bestimmbaren Zusammenhange mit den im Vor- 
stehenden geschilderten Feld- und Walddämonen stehen 
die Dorfthiere^*, zu denen auch der niedersächsische 
Welthund**, die skandinavischen Bai:kevarsler und Kyrko- 
grime*'' zu rechnen sind, was freilich einer eigenen Aus- 
fahrung bedarf. Die Dorfthiere sind Spukgestalten, die 
als Schwein, Kind, Huhn, Katze, Schaf, Hahn u. s. w. 
sich mit feurigen tellergrofsen Augen auf den Höfen der 
Kirchen, in den Strafsen oder der Umgebung des Dorfs 
und der kleinen Stadt auf Feld und Wiese legen und dem 
nächtlichen Wanderer den Weg vertreten, sich ihm auf 
den Kücken hocken und eine Strecke Weges tragen, 
oder ihn wider seinen Willen stundenlang über Stock und 
Stein auf sich reiten lassen; zumal liederlichen Leuten, 
Dieben, Trunkenbolden stellen sie nach. Die Sage schil- 



11 

dert sie fast durchgängig als verwünschte Seelen. Wer 
sie zuMlig mit einem Gliede seines Körpers berührt, 
bekommt an Kopf, Hand, FüTsen Geschwüre. Sie bekun- 
den eine nahe Verwandtschaft zu den gleichgestalteten 
Thierwesen der wilden Jagd und des wüthenden Heeres 
und treten mitunter ganz in der Rolle von Seelengeleitern 
auf. Hienach erscheinen die Dorfthiere vorwiegend als 
die Geister der Vorfahren, die den Schutz der Gemarkung 
übernehmen. Dieselbe Gloso nun, der man in Schweden 
einige Bunde des letzten Kornes auf dem Acker . stehen 
läfst, streicht über die Felder mit tellergrofsen Augen, 
läuft dem Begegnenden zwischen die Beine, nimmt sie auf 
den Rücken und jagt mit ihnen über Äcker und Wiesen*®. 
Während man um Neuhaldensleben die Kinder vor der 
isernen Range (Sau) warnt, die im Kornfeld sitze, bei 
Magdeburg in der letzten Garbe diese "Range" gefangen 
wird, läfst sich im Harz in den Dohnenstrichen ein eiser- 
nes grünes Schwein sehen, das einen hohen grünen Busch 
auf dem Buckel hat und sich ganz nach Art der sonstigen 
Dorfthiere geberdet.*" Wenn diese gemeinhin dem Wan- 
derer auf den Rücken springen, so stimmt dazu, dafs die 
den Korndämon darstellende Puppe auf den Rücken ge- 
bunden wird; aus oder unter Bäumen pflegen die Dorf- 
thiere hervorzukommen. Einzelne Sagen erklären, dafs, 
wenn dort, wo das Dorfthier seinen gewohnten Weg nimmt, 
das Getreide besonders schön golden reift, oder wenn es 
in den Ähren auswächst und schwarz wird, dies die Wir- 
kung der Feueraugen sei, mit den es die Fruchtfelder 
mifst. ^^ SoU der Jahrgang recht firuchtbar werden, so läuft 
das Dorfthier mit sieben Jungen.®* Die Verwandtschaft mit 
den Thieren der wUden Jagd kann bei dem Ursprünge 
der Komdämonen aus Wind- und Wolkenwesen nicht auf- 
fallen. Aus dieser Verwandtschaft erklärt sich die psycho- 
pompische Natur der Dorfthiere; aber auch bei ersteren, 
z. B. dem Roggenwolf, bricht dieselbe in einzelnen An- 
deutungen hervor« 



y^- 



12 

Im nördlichen Smäland läfet man eine Handvoll des 
letzten Kornes auf dem Acker fiir die Gi^o stehen, da- 
mit das nächste Jahr an Früchten reich sei." In Däne- 
mark ist die Grafso ein im Hügel auf vergrabenem Schatze 
hockendes Schwein, Schatzgräbern läuft es zwischen die 
Beine und hebt sie auf seinen scharfen Rücken.'* Als 
gespenstige Hüter des in die Erde versunkenen Hortes, 
der aUe sieben Jahre in die Höhe rückt, nennt die deutsche 
und skandinavische Sage wiederum Himd, Schwein, ßind^ 
Lamm, Huhn, Gans, Schwan, Drache, Kröte u. s.-w.** 
Durch einseitige Rücksichtnahme auf die am häufigsten 
genannten Schatzwächter Hund und Drache, durch eine 
Reihe thatsächlicher Beobachtungen und vor Allem durch 
einige entschiedene Analogien der vedischen Mythologie 
wurde die Ansicht der neueren Mythenforscher dahin be- 
stimmt, unsere Schatzsagen einfach fiir eine irdische Loca- 

■ lisation coelestischer Vorgänge, die Schatzthiere för die das 
Sonnengold oder das Regenwasser raubenden Wölken- 

' dämonen zu erklären. '^ Nach Erwägung aller in Betracht 
kommenden Züge halte ich zwar an der Annahme auch 
jetzt noch fest, dafs die Schatzsagen in der That 
von der bildlichen Anschauung meteorischer Erscheinun- 
gen ihren Ausgang nehmen, ich glaube aber, dafs die- 
selben auf das Erdleben übertragen sind, und dafs es eine 

' Zeit gegeben haben mufs, in welcher die während der sieben 
Wintermonate veröchwundene Vegetation als ein Schatz an- 
geschaut wurde, welcher in den Boden versunken dort von 
den Wind- und Wolkeüdämonen gehütet wird, die im Som- 
mer im Pflanzenwachsthum ihre 'Wirksamkeit entfalten. 
Nicht von jedem Getreidethiere sind alle angedeuteten 

' Überliieferungen nachweisbar, doch bringt fast jeder ^Zu- 
wachs der Sammlung einen oder den andern der als ehe- 
mals vorhanden vorauszusetzenden ' Züge wieder zum 

'Vorschein. Ich möchte mir Urlauben, diefs in kurzen 
Umrissen an einem Beispiele zur Anschauung zu 
bringen. 



18 

In Oestreich warnt man die Kinder sich ins Getreide- 
feld zu verlaufen, es sitze der Troadhän (Getreidehahn) 
darin und hacke ihnen die Augen aus. In norddeutschen 
Gegenden rufen die Schnitter beim Schneiden der letzten 
Halme, im letzten sitze der Hahn^'^, nun werde der Hahn 
gegriffen, „nu will wi den Hän rütjägen", „do 
flüggt he hen!" Man behauptet, sich ihm zu nähern, , 
ihn schon zu haben. Ein aus Ähren verfertigtes Hahnbild 
wird auf einer Stange in das zu mähende Ackerstück ge- 
steckt, lustig krähen die Kjaechte, bis das letzte Korn 
unter der Sichel gefallen ist und einer die Stange jauch- 
zend nach Hause trägt. Um Fürstenwalde langt der Guts- 
herr, sowie die Reihe des Aufbindens an die letzte Garbe 
kommt, einen lebenden Hahn aus mitgebrachtem Korbe, 
löst ihm die zusammengebundenen Flügel und lässt ihn auf 
dem Felde laufen. Alle Anwesenden haschen nach ihm, 
bis er sich gefangen giebt. Anderswo greift man wett- 
eifernd nach den letzten abgeschnittenen Halmen selbst; 
wer die erwischt, mufs krähen und heifst Hahn. Die letzte 
Garbe fuhrt die Namen Hahn, Hahngarbe, Bauthahn 
(Emtehahn), Aarhenne (Emtehenne), Herbsthahn. Man 
unterscheidet auch nach den Fruchtarten den Weizenhahn, 
Bohnenhahn u. s. w. Ein Hahn aus Stroh wurde in 
Schlesien auf die fiir die Arbeiter als Emtelohn stehen ge- 
lassenen Mandeln gestellt, in Siebenbürgen hiefs ein Büschel 
Ähren, das auf den fiir den Pfarrer bestimmten Zehnt- 
haufen gebunden wurde, kokesch (Hahn) ^^ und in der Nie- 
derung bei Danzig werden die zum Schutz des Getreides 
gegen Kegen auf dem Felde errichteten Hocken Kokosch- 
ken, d. h. Hennen, genannt. Dem letzten Erntewagen 
voran tragen sie vornehmlich in Westfalen einen aus Holz, 
Pappe oder Ähren verfertigten Hahn, der reich mit bun- 
ten Bändern und Goldpapier geschmückt ist, oder derselbe 
prangt auf der Spitze eines Maibaums, der das letzte Fuder 
ziert. Anderswo wird ein Ämtekranz auf einer Stange 
dahergetragen, auf welchem, oder innerhalb dessen ein 



14 



38 



lebender reich geschmückter Hahn oder sein Abbild sitzt. 
In Congrefspolen, Galizien u. s. w. ist dieser lebende Hahn 
oben auf der Ähren- und Blumenkrone befestigt, welche 
die Vorschnitterin dem Emtezuge voranschreitend auf dem 
Kopfe hat. In Schlesien überreicht man dem Gutsherrn 
einen lebenden Hahn auf einem Teller. Die Emtemahl- 
zeit, welche nun folgt, heilst Hahnmahlzeit, Emtehahn^ 
Meierhahn, Schnitthahn, Stoppelhahn, Aarhenne. Deutlich 
erhellt aus manchen einzelnen Zügen, dafs man dem dä- 
monischen Getreidehahn, sowohl schädliche als segende 
Wirksamkeit zuschrieb. Er soll durch Abpicken der Kör- 
ner die Feldmäuse ernährt haben; wäre er nicht gefangen, 
er hätte den Bauer rein ausgejfressen. Andererseits wün- 
schen die Überbringer des Hahns dem Wirthe, er möge 
so viele Garben zählen, als der Hahn Körner im Kröpfe 
habe. Je öfter der Hahn auf dem Kopfe der polnischen 
Erntejungfi^u von der Ährenkrone pickt, desto firuchtbarer 
wird die nächste Ernte. Die westfölischen aus Holz oder 
Pappe verfertigten Bauthähne tragen Feldfrüchte jeder Art 
im Schnabel. Und im Liede, das die Überbringer her- 
sagen, wird gradezu gesagt, der Hahn habe geschworen, 
die Scheuer voll Roggen zu bringen, er habe noch einmal 
geschworen, die Scheuer voll Weizen zu bringen. 

Der Erntewagen mit dem Amhahn wird rings um das 
Haus geführt, und dann erst in die Scheuer. Darauf wird der 
Hahn draufsen über oder zur Seite der Hausthür, oder 
hoch am GKebel festgenagelt und verbleibt hier bis zur 
nächsten Ernte; rings im Kreise herum hängt man zu- 
weilen Habichte und Eulen auf. Da auch beim Haus- 
heben auf den Neubau ein hölzerner Hahn gesetzt wird, 
liegt die Vermuthung nahe, dafs die Hähne, welche an 
den Bauerhäusern mehrerer Gegenden, wie sonst die Pferde- 
köpfe, an den Windbrettern des Giebels angebracht sind^®, 
in nächstem Zusammenhange mit unserem Emtehahn 
stehen. 



15 

Auch beim Dreschen ^fängt den Herbsthahn" 
derjenige, welcher den letzten Schlag macht. In Ostfries- 
land heifst diese Person Tut (Gluckhenne) und man streut 
ihr Fruchtkömer wie einer Henne hin. Wer einen Ernte- 
wagen umwirft, „hat den Bauthahn verschüttet^^, d. h. er 
hat den Getreidehahn entwischen lassen und geht der 
Emtemahlzeit „des Hahns" verlustig. Sehr deutlich ist 
neben diesen Gebräuchen jene andere Vorstellung nach- 
weisbar, wonach der dämonische Hahn mit dem Schneiden 
des Kornes sein Leben endet. Unmittelbar nach dem 
Komschnitt wurde auf dem Acker ein Hahn todtgeschla- 
gen. In manchen Oiten Westfalens übergiebt der Bauer 
den mit dem Bauthahn einziehenden Knechten einen 
lebendigen Hahn, den sie mit Peitschen oder Knütteln 
tödten, oder mit einem alten Säbel köpfen und den Mäd- 
chen auf die Scheune werten, zuweilen der Hausfrau zur 
Bereitung übergeben. Ist kein Fruchtwegen umgefallen, 
der Emtehahn also nicht verschüttet, so haben die Knechte 
das Recht, den Haushahn mit Steinen todtzuwerfen oder 
zu köpfen. Wo diese grausame Sitte erloschen ist, be- 
steht gleichwohl häufig noch der Gebrauch, dafs die Bäuerin 
den Schnittern eine Hühnersuppe zurichtet und den Kopf 
des geschlachteten Haushahns vorweist. Bei den Szeklem 
in der Nähe von Udvarhely wird ein lebender Hahn in 
die letzte Garbe hineingebunden und von einem dazu er- 
wählten Burschen mit einem Bratspiefs zu Tode ge- 
stochen. Den Leichnam balgt man aus und wirft das 
Fleisch weg. Haut und Federn werden bis zum nächsten 
Jahre aufgehoben. Im Frühjahre werden die Kömer der 
letzten Garbe mit den Federn des Hahnes zusammenge- 
rieben und auf das anzubauende Feld gestreut. In der 
Umgegend von Klausenburg gräbt man einen Hahn auf 
dem Emtefelde in die Erde, so dafs nur der Kopf her- 
vorblickt. Ein Jüngling durchschneidet ihm dann mit der 
Sense auf einen Streich den Hals. Gelingt das nicht, so 
heifst der Bursch ein Jahr lang rother Hahn, und man 



16 

fbrchtet, dafs die Ackerfrucht des nftchsien Sommers nicht 
gerathen werde. 

Die unmittelbar an den Emteakt sich anschliefsenden 
Darstellungen der Tödtung des Getreidehahns sind 
Schritt für Schritt von demselben losgelöst und zu selbst- 
ständigen Volksbelustigungen zu verschiedenen Zeiten des 
Jahres geworden. An irgend einem Tage kurz vor oder 
nach dem Erntefest wird in Schlesien ein mit Bändern fest- 
lich geschmückter Hahn auf einem vier- bis sechsspännigen 
leeren Erntewagen zu einem Stoppelfelde gefahren, von 
dort unter Geberden, als hebe man eine schwere Last, 
heruntergeholt, halb in die Erde gegraben und mit einem 
ump^estülpten Topfe bedeckt, so dafs nur der Kopf aus dem 
durchlöcherten Boden des Gefafses hervorblickt. Dann 
tritt ein Bursche nach dem andern mit verbundenen Augen 
her und sucht den Hahn zu köpfen, oder mit einem Knüttel 
zu erschlagen. Der Sieger heifst Hahnkönig. Auch in 
anderen Gegenden wird diese Sitte vorzugsweise zur 
Erntezeit geübt, und zwar vielfach im Einzelnen variirt 
und in ihrer Grausamkeit gemildert, so dafs oft nur der 
leere Topf oder ein hölzerner, papierner, bleierner Hahn 
übrig bleibt. Eine abweichendere Form der Hahntödtung 
ist das dem auf gleichen Ursprung zurückgehenden Gänse- 
reiten ähnliche Hahnreiten, wobei ein todter Hahn an 
einem über den Weg gespannten Seile hängt. Darunter 
durchreitend bemühen sich die Bauerbursche wetteifernd 
ihm den Kopf abzureifsen. Andererseits findet zu Fast- 
nacht, d. h. in der Zeit, wenn das Dreschen zu Ende 
geht, in gleicher Weise ein Hahnschlagen oder Hennen- 
schlag statt, mit dem Unterschiede, dafs als Mordwaffe 
Dreschflegel angewandt werden, woher die ganze Sitte in 
England „to thresh the Tat hen" benannt ist. *® Den ge- 
tödteten Hahn bindet man dem Sieger auf den Rücken.** 
Es fand die Tödtungsweise mit dem Dreschflegel, welche 
augenscheinlich der Vorstellung vom Verweilen des Korn- 
dämons in dem letzten unausgedroschenen Getreide ihren 



17 

Ursprung verdankt, zuweilen auch auf den Hahnschlag zur 
Erntezeit durch Misverstand Eingang. Nicht selten finden 
wir das Hahnschlagen auf Pfingsten und Johannis Baptistae 
tibertragen. Im sechszehnten Jahrhundert fand es fast all- 
gemein in die Schützenfeste der deutschen Städte Eingang, 
während dieselben auch andere Erntegebräuche in sich auf- 
nahmen, wie z. B. die als letzter Gewinn regelmäfsig zu- 
ertheilte Sau mit Ferkeln, nach der im studentischen 
Sprachgebrauch Schwein för Glück üblich ward, un- 
zweifelhaft der vom letzten Emtearbeiter erbeuteten Rog- 
gensau entstammt.** 

Analog dem Hahnschlagen sind die selteneren Ge- 
bräuche des Stierwerfens, Bockschiagens, Hundeschlagens 
u. s. w. Durch dieselben miteinander geht uns aber das 
Verständnifs auf fiir eine ganze Reihe anderer Sitten. Am 
Jacobitage zu Johannis Baptistae, also zur Zeit der Som- 
mersonnenwende, stürzte man Böcke, Katzen u. s. w. von 
Thürmen und Dächern hinab, köpfte man Vögel (Habichte), 
verbrannte man Katzen, Füchse u. s. w. im Sonnwend- 
feuer, oder warf sie, in einer Tonne über der Strafse auf- 
gehängt, mit Kjiitteln oder Steinen zu Tode. *^ Es sind das 
theils Übertragungen vom Erntefest, theüs scheinen diese 
Gebräuche selbständig den Gedanken darzustellen, dafs die 
Dämonen der Vegetation durch die heifse Sonne des Hoch- 
sommers den Tod finden. 

Um auf den Getreidehahn zurückzukehren, so erweist 
sich dessen Beziehung zur Fruchtbarkeit auch durch den 
Zug, dafs dem hölzernen Emtehahn am Giebel des Hauses 
Eier untergelegt werden; dafs beim Hahnschlagen der 
Sieger Hahnbräutigam heifst und sich eiae Hahnbraut 
wählt, endlich, dafs auch auf Hochzeiten das Hahngreifen 
und Hahnschlagen geübt wird. Wenngleich sehr verdun- 
kelt, schimmert aus diesen Volkssitten die von dem Vor- 
hergehenden abweichende Anschauung hervor, dafs der 
Getreidehahn fortlebe, um im nächsten Jahre selbst oder 
in seinen Nachkommen eine neue Wirksamkeit zu be- 

Di« KorndEmonen. ^ 



18 

giiinea. In der Gegend von Saizwedel schickt nuan avt 
SAbseit Kinder mit eioem Sacke voll grünen Oesträudiet 
AUfli um den Saathahn ku holen, den der S&emann habe^ 
In Baiem wird nach der Aussaat der Saathahn vertniii- 
ken.*^ Dieser Saatbshn ist entweder der Kornhahn des 
neuen Jahres oder der überwinterte Gretreidehahn, der im 
I/ena wieder ins Feld geht. Letzterem entspricht das 
Httbn in Weihnachtspielen, bei welchen ein Mädchen als 
Henne aufgeputzt wird, um Liebesorakel zu ertheilen, oder 
ein wirklicher Hahn m£ einem Tische «wischen Terschie'* 
dene Getreidehaufen gesetzt, deren jedem eine besondere 
Bedeutung beigelegt ist, durch Picken Schicksalsfragen be- 
antwortet/^ Und wie bedm Hahnschlagen auf dem Ernte* 
felde mitunter der Hahn auf ein in Umdrehung yersetztes 
Rad gebunden ist, so mu& in der schwedischen Julstube der 
jungen Burschen einer einen Strohhahn mit den Füfsen rad- 
ähnlich über sich hinüberwerfen, beides yermuthlich eime 
Andeutung der im Jahresumlauf wieder zum Vorschein 
kommenden Grestalt des Komdämoms. *'' 

Nach ^ deutscher Sage wacht auf bergversunken^i 
Schätzen ein schwarzer Hahn^^; vei^rabener Hort wird 
nur gehoben dmxah den Tod eines schneeweifsen oder 
rabenschwarzen Hahnes^'; in der Tiefe der Erde brütet eine 
Henne über goldenen Eiern. *^ In Schweden sagt man, daß» 
ein Mann, welcher sein Ghit vergrub, nach dem Tod« als 
Drsiefae über drem Horte ruhe, wsjt es «n Weib als kohl- 
schwarze Henme (Sk^kboena). *^ In deutschen ÜberlieferuH'* 
gen erscheint wiederum der Kobold oder der fliegende 
IH^achev, welcher seinen Freunden Grold (Erz) tyder 
Getreide :»«trägt, naobdem ear es vom Felde der Nach*^ 
bam gestohlen, als ein schwarzer oder rother Hahn, 
eine schwarze oder rothe Henne,^^ Dieses Huhn i^eit 
im Hause seines Besiteers fortwäbi^end Weizenkomer aus 
«einem Schnabel. Mw tri&t es, wie die ander^a Dor^ 
tbiere auf B>eutwegen hea-umirrend u. a. w.*® Kann feß 
^zweifelhaft aein^, da^ dieses Huhn mit dem im Enarlefelde 



» 

ge&ngenen Gatreidababxi ideotiseh sei, um ^ mehr da 
der fliegende Koro4xmh^ und der getreidebringe^de Kobold 
auch als Hund, Kat^e Bock u« s. w, gesialtet, sieh sehen 
lassen, grade so wie alle sonstigen Komdämoneu und 
Scbatssthiere?'* Da aber der KcumdracHe' isic^ier «ine Per- 
soni£cation von Erscheinungen dies Wirbelwindes und des 
Gewitters ist 9 kntlpft auob der Getreidehahn damit an 
Wind- und Wetterpbtocwaene tmi und es gewinnt Bedeu- 
tung, daTs in der Rbeinprovinz dem Schnitter der letzten 
Hahne, der dei» Hahn gefangen hat, der Oadaver eines 
kleiuen Thieres an die Wand genagt wird, grade so wie 
der wilde Jäger demjenigen der mitgejagt hat, den Leich- 
nam eines erlegten Wüdes an die Hausdiür heftet. 

Die angeföhrten Thateaehen werden geuQgen, um die 
theriomorphischen Komdämonen au charakterisiren. Ihnen 
reiht sich eine Anzahl andere menschiich-gestalteter an, 
welche nicht, wie man erwarten sollte, eine höhere Stufe 
und einen Fortschritt des religiösen Bewu&tseins der Vor- 
zeit bezeichnen, senden in allen wesentlichen Stücken 
ihnen gleichsehen, so dafs wir genöthigt sind, ftbr beide 
die nämliche Entgtehungsseit anzusetzen. Zunächst sind 
zu imterscheiden ein männliches und ein weibliches Wesen, 
ein £3iepaar, ein neugebomes Kind, eine Jungfrau. 

Bekanntlicb werden der Wirbelwind als die Ehrende 
Frau, die Ehrende Mutter, Gewitterwolken ais die alten 
Weiber, Regenmütker, czcoh. baby, Grofsmütter bezeichnet. 
Wenn der Wind im Kome Wellen schlägt, so zieht die 
Kornmutter über das Getreide, öderes ist von einer 
ganzen Scbaar die Rede "die Kornweiber laufen 
durchs Korn**. Man wimt die Kinder vor dem Ab- 
pflftcken der blauen Cjane, die Boggenmutter sitze im 
Acker. Statt Kommutter hört man auch in Deutschland 
die Namen Weizenmutter^ Gerstenmutier, Flaehsmutter, 
Komfrau, KornWieib, Kommuhme, Erbsenmuhm., Grofs- 
muter, die wilde Frau n. s. w., diu. Bykjaelling, Ru- 
kiiriüng (Geraiieittlte, RoggenaÜe); in ela^is^A^en Land- 
au 



20 

Schäften sagt man daför: die Baba (die Grofsmutter, die 
Alte) Babaj^dza, die Zytniamatka (Kommutter), Zytniababa 
(Kornalte) sitze im Getreide; in Lithauen ist es die Rugiü- 
boba (RoggenaJte), vor der gewarnt wird. Die Namen 
Roggenmutter, Roggenmuhme und Erbsenmuhme haben 
auch hier meistentheUs die Weizenmuhme, Gerstenmuhme 
in den Hintergrund zurückgedrängt. Der Warnung vor 
der Kommutter pflegen einzelne nähere Angaben hinzuge- 
fügt zu werden", welche ihr Wesen und ihre Gestalt deut- 
licher erkennen lehren. Sie hat feurige Finger, theerge- 
fiülte oder mit glühenden Eisenspitzen versehene Brüste, 
wovon sie in der Harzgegend „dat Tittewtf" heifst. Daran 
lälst sie die verirrten Kinder saugen. Man erinnert sich 
bei diesen Zügen sofort an die Benennungen Teufelsfinger, 
Marenzitze, Brustwarze der Laume fiBr den Donnerkeil** und 
dals die Hunde der wilden Jagd, Hakelbergs Kinder, an 
dessen Frau herumhangen, als wenn sie an ihr sögen. *** 
Andererseits sollen die Brüste der Kommutter so lang 
sein, dafs sie sie über die Achseln schlagen kann, dafs sie 
damit die Kinder um die Ohren schlägt; grade so wird 
das von dem wilden Jäger gejagte Weib (die Langpatte) 
geschildert.^^ In den an heifsen Sommertagen über den 
Acker hin walzenden Windtromben erblickt man die Korn- 
mutter mit ihren Doggen oder sie (die nach anderer Über- 
lieferung Mutter der Roggenwölfe ist^^) sitzt selbst in Wolfe- 
gestalt im Korne, von kleinen Hündchen begleitet, welche 
die verlaufenen Kinder in ihre eiserne Umarmung fiihren. 
Sie reitet durch die Saatfelder auf einem Pferde, oder läuft 
eo rasch wie das schnellste Pferd den Kleinen nach, xun. 
sie zu haschen. Sie pustet denselben die Augen aus, wie 
die alte Frick, Frau Gk)de, die im Sturm an der Spitze der 
wilden Jagd daherziehen, dem Belauscher ihres Zuges ein 
Lichtlein ausblasen. ^^ In der Hand trägt sie eine Ruthe, 
oder eine Peitsche (den Blitzstab), wie die wilde Jägerin 
Herodias.®® Vielfach wird berichtet, dafs die Kommutter, 
die Babaj^dza, u. s. w., die Kinder in ein eisernes Butter- 



21 

fafs stecke und darin zerstampfe, woher sie in Pommern 
auch die Buttermuhme zubenannt ist. Die entsprechende 
russische Baba Jaga &hri in einem eisernen Mörser mit 
eiserner Keule/^ Wer den neueren Arbeiten über ver- 
gleichende Mythologie und zumal Kühnes Verhandlungen 
über die Herabholung des Feuers mit Yerständnifs gefolgt 
ist*^*, weils, dafs in diesem Zugej^ein Gewittervorgang ge- 
schildert wird. Es kann somit kein Zweifel aufkommen, 
dafs die Kommutter mit der an der Spitze des wilden 
Heeres daherreitenden oder vom wilden Jäger gejagten Frau 
identisch ist. Sie vermag sich überdiefs gleich den schatz- 
hütenden weifsen Frauen in verschiedene Gestalten zu ver- 
wandeln, in eine Schlange, Schildkröte, einen Frosch 
u. s. w. Nach ihr heifsen mehrfach die Libelle, der Mai- 
käfer, die Raupe des Bärenspinners, die Wachtel und das 
Mutterkorn (clavus secalis) Roggenmutter, Roggen- 
muhme. Wie die Schatzhüterinnen, wird sie meisten- 
theils ganz schwarz oder schneeweifs von Ansehen 
geschildert. Ihr Verweilen im Saatfelde ist diesem bald 
verderblich, bald heilsam. Im Korne auf- und abgehend, 
sucht die Kornmutter flir sich Nahrung, sie frifst das Korn 
aus, sie reifst die unreifen Ähren aus dem reifenden Ge- 
treideacker, sie pflückt (so beschreibt sie die niederlän- 
dische Sage bei J. W. Wolf**®) die über die andern hervor- 
ragenden Ähren (die Vorläufer) ab. Zürnt sie dem Bauer, 
so dörrt sie ihm das ganze Korn- oder Weizenfeld aus. 
Steht das Korn auf einem Acker schlechter, als auf dem 
andern, so straft die Kommutter dadurch den Besitzer. 
Andererseits macht sie hindurchschreitend die Äcker 
fruchtbar; wenn die Flachsmutter sich sehen läfst, gibt es 
ein gutes Flachsjahr. In der letzten Garbe verbirgt sich 
die Kommutter. Man schlägt mit Stocken darauf und 
ruft einander zu: „da ist sie, nimm dich in Acht, dafs sie 
dich nicht packt 1" Wer in Lithauen den letzten Sensen- 
hieb oder Drischelschlag macht, „tödtet die Kommutter** 
und heüst Roggen weih chentödter. Mitunter stellt 



^ 



62 

die HiUiBfiraa im VoUngobrattoh die Kornmutter dar. Die 
ßcbaitter duohen sie auf, vas\ irtö zu erdrodseln; oder käm- 
laen ihr mit der Kombarke das fi^ftar, wobei (man Ygl. die 
nordifiohe Sif*» J6rd) das Getreide als das Haar der Qre- 
treidefrsu gedacht i«t< Die letete Oarbe heiüsrt Kommutteir, 
Boggeniuuiter^ Ght)rsmutter, £rntemutter, D&n. Rukjaelling, 
Bj^floUmg, ißrtekJBgUing (Boggenalte, Gerfitenalte, Erbsen- 
K^), pöln. Bäba, Zytniababa, Zyfcnia matka, pdzenic^nä. 
iciaika, gröchowa featka (Roggenmutter, Äoggenalte, Weizen- 
«lutter, Erbfienmtrtter) , vorzüglich jedoch deutsch „die 
Alte". Man gibt ihr die Gestalt einer Frau, bekleidet 
fiie häufig mit einem vollertandigen weiblichen Anzüge oder 
bindet eine Magd in das letzte Gebund hinein, welche nun 
jubelnd zum fiofe des Gutsherrn geftlhrt wird. Statt des 
Namens Grojfemutter begegnet mehrfach und aus verschie- 
denen Gegenden belegt der Ausdruck die grofse Mutter, 
einmal die Heimmutter, oft aber die „alte'' oder die 
jjgroföe Hure*' (magna genetrix), woher der Kutscher der 
fetütett • Führe mit dem höhnenden Titel Hurenftlhrer, 
llurenwaibel belegt wird. Beim Herannahen der Kom- 
teife ivirft man alä AntheU der Kornmutter drei Ähren 
ins Saatfeld, damit die Ernte gut werde, oder man läfet 
beim Schneiden etwas Frucht übrig und sagt: 

Wir geben's der Alten, 

Sie soll es behalten, 

Sie sei uns im nächsten Jahr 

So gut, wie sie es diesmal war. 

In Süddeutschlajid bleibt ein Büschel Halme ftr die 
HöUfräulein oder Waldfriulein auf dem Acker 
Stehen. Man flicht sie «u einem Zopfe «nsammen, eine 
Sitte, welohe dem russisch-serbischen Gebrauche begegnet, 
Mis den letzten unabgesohaittenen Ähren den Bart des 
Hergotts, des Elias, des heil. Johannes, des Wölosch zu 
binden.** Die dabei gebrauchten Sprüche bewähren mit 
ftioherheit, dafs man sich die HokfrÄulein als Wesen der 



N 



23 

Vegetation überiüaupt vorstellte, welche fhat mit <ier Hvä* 
mutttr eusammenMlen: 

Holz&ftuleinl Ich flechtQ dir ein 7dpfle 
Auf dein nacktes Kopf le. 

Eine Variante bei Panzer drückt aui^, dafs durch den 
Komechnitt der heimliche Mutterschoiä der Hobfirau (der 
©(irdischen Ividja, Skogrfru) profanen Blicken blofsgestellt 
werde, dem das Greflecht aus dem stehenbleibenden ]$e«t 
der letzten Halme eine sdiamhafte Hülle bereite.^^ Pi^ 
naoh unseren Sagen an das Leben der Bäume gebundepaii 
JQolzfräulein,Lohjungfem und Moosweibchen **** (die nordische 
Skögsfin uud Skögsnufva*'), welche vom wilden Jäger ge»- 
^a^ werden, wenn der Herbststurm den Wald entblättert^ 
oder auch gleich Frau Gode und Frikk daherfahreq und 
sich den Wagen verkeilen lassen, ergeben sich nun kläi> 
licb als den Kornweibem identisch und ihr Name ist WX 
wenig kühner auf das Komwachsthum angewandt, als «. B» 
der des Erbsenbären auf das Roggenfeld. Zugleich erhellt 
die Einheit der Buschgrofsmutter*®, der wilden Frau u. 8. w. 
xmt der Eoggenmuhme. 

Ebenso deutlich springt bei dem männliohen KortH 
dämon der Zusammenhang mit den Wettererscheinungen 
in die Augen. Von Gewitterwolken sagt man in Schlesien 
„'s staija monne üf '*. Zieht ein Wetter während der 
Emtearbeit auf, ruft man im Aargau: „macht schnell, der 
schwarze Mann kommt!" Vor dem schwarzen Mann oder 
Kommann im Getreide warnt man die Kinder vieler Orten. 
Statt des einen Kornmannes wird wiederum auch eine 
ganze Sippschaft Kornmänner genannt; man warnt vor 
dem wilden Mann im Saatfeld, der mit eisernem 
Knüttel werfe, vor den zwerghaft gedachten Getreide- 
männchen. Aber auch Grummetkerl nach dem zur 
letsiten Mäht kommenden Futterkraute, IQeemännehen und 
Grasteufel ist der Dämon geheifsen, zum Beweis, da& 



^ 



24 

nicht die Culturfiiidbt allem, sondern auch die gesammte 
Vegetation die Stätte seiner Wirksamkeit ist. In Polen 
heifst es, der Alte (Stary) sitze in dem blühenden Ge- 
treidefelde. Wenn man in Westfalen die Kinder selbst 
vom Roggenacker mit der Rede fortschreckt, der Hafer- 
mann hause darin mit grofsem schwarzen Hute und einem 
gewaltigen Stocke, und fahre die Begegnenden durch 
die Luft hinweg, umwandle auf dem Emtefelde die Kom- 
haufen, verlocke und necke den Wanderer, so gleicht das 
theils den Sagen vom wüden Jäger, der im Sturme Men- 
schen meilenweit mit sich fortträgt, theils den Überliefe- 
rungen von den Dorfgespenstem. Hat der Wind das Ge- 
treide an einer Stelle nach allen vier Seiten gelagert, so 
weist man darauf hin mit den Worten „da hat der Alte 
gesessen.** Bei der Ernte wird die letzte Garbe je nach 
der Fruchtart Roggenmann, Weizenmann, Gerstenmann, 
Hafermann genannt, oder der Emtemann, Schewekerl, 
Großvater, poln. Dziad, czech. Dedek (Grofsvater), 
deutsch der alte Mann, de grise mann, dän. den gamle 
mand, oder deutsch der Alte, dän. den Gamle. poln. stary 
schlechthin. Man unterscheidet wieder den Weizenalten, 
den Gerstenalten u. s. w. Die Schnitter rufen einander 
zu: Wir wollen den Alten greifen 1 Pafst auf, da sitzt der 
Alte drin. Nun wollen wir den Alten herausjagen! Gebt 
Acht, dafs der Alte nicht entwischt. Das Mähen der letz* 
ten Halme heilst „den Alten haschen". Wer das letzte 
£om sch^eidet oder bindet, dem ruft man zu: 

Du hast den Alten 
Und muTst ihn behalten; 

ich verstehe das: den Winter über ernähren. Es wird 
eine Puppe in Mannsgestalt aus der letzten Garbe verfer- 
tigt, man bekleidet sie häufig mit Hose, Rock, Weste und 
altem Hut. Indem man diese Figur in feierlichem Auf- 
zuge dem Gntsherrn vor das Haus führt, spricht man: 



25 

leb bringe Ibnen den lieben Alten; 

Er will sieb niebt länger im Feld aufhalten, 

Aof allen Vieren 

Will er erfrieren. 

leb bab' micb in Karzern bedaebt 

und bab* ihn der Herrschaft mitgebracht. 

oder beim Einfahren der letzten Kartoffel: 

Wir kommen hier mit dem Erdäpfelmann, 
Der sich im Feld niebt ernähren kann. 
Es ist so kalt und ist so nafs, 
Er will haben Speck und Pfannkuchen satt. 

In Norwegen redet man vom Skurekajl (s= däiusch 
Skjaerekarl), d. i. Schnittermann, einem Geiste, der un- 
sichtbar im Acker haust und dort das ganze Jahr von des 
Bauern Korn speist. In der letzten Garbe wird er gefan- 
gen und eine Puppe in menschlicher Gestalt verfertigt, die 
seinen Namen trägt. Unter allen Benennungen des Kom- 
dämons ist in Deutschland am verbreitetsten der Alte, 
entweder in dem Sinne ehrwürdiger Schmeichelrede gleich 
Grofsvater, Väterchen, oder als sinnbildliche Bezeichnung 
des im Zustand der Reife absterbenden Getreides. Beide 
Auffassungen scheinen im Volksglauben vorhanden ge- 
wesen zu sein. Gleichwohl galt der Alte auch als Wesen 
der BVuchtbarkeit in so hervorragendem Sinne, dafs sein 
aus Ähren geflochtenes Bild vielfach und in verschiedenen 
Gegenden mit einem stark hervorgehobenen Phallus aus- 
gerüstet wird. Zur Verfertigung der Figur wird an man- 
chen Orten vorzugsweise eine kurz vor der Hochzeit 
stehende Braut ausersehen, und der Binderin des Alten 
prophezeit man, sie heirathe im nächsten Jahr, zuweilen 
freilich mit dem Zusätze, sie bekomme einen alten Mann. 

Vom Felde wird der Alte feierlich heimgetragen oder 
hereinge&hren, man Ahrt oder kullert (wälzt) ihn dreimal 
um die Scheune. Auf dem Hofe wird er niedergesetzt, 



S6 

die Arbeiter schliefren einen Bing um ihn und umtanzen 
ihn zu dreien Malen. Dann wird die komisch bekleidete 
Puppe mit an den Tisch zur Festmahlzeit (Altenköst) ge- 
nommen, man setzt ihr Speise und Trank Tor und ladet 
sie ein, davon zu geniefsen. Ist das Mahl vorüber, so er- 
öflhet die letzte Binderin auf der Dreschdiele mit dem 
Strohmann ^en ersten Tanz, dreimal rundum, dann walzt 
jede der übrigen Arbeiterinnen einmal mit ihm, und nun 
wird er in die Ecke gestellt zum Zuschauen. Später er- 
hält er in der Scheune oder in der Vordiele des Herren- 
hauses einen Ehrenplats, wo et oft bis zur nächsten Ernte 
verbleibt. In einer Anrede der Überbringer an einen Guts- 
herrn, bei dem er an einem Nagel 4er Hausflur au%ehängt 
wurde, heifst es: 

Nehmen Sie den Alten wohl in Acht, 
Er wird Sie behiteo Tag und Nacht 

Auch beim Dreschen wird im letzten Korne der Alte 
gehascht. Wer den letzten Schlag thut, heifst der Alte, 
wird in Stroh gewickelt oder mufs einen ihm auf den 
Kücken gebundenen Strohmann zum Nachbar tragen. Zu- 
weüen legt sich ein Knecht unter die letzte Lage Korn^ 
und man Schlägt mit dem Flegel auf ihn loe, man uaigt 
auch, der Alte werde todtgeschlagen, in Nor- 
wegen der Dreschmann (Slökajl) werde zu Boden ge* 
schlagen» 

An manchen Orten kniet man vor der letzten Gurbe 
nieder mit dem Ausruf: „der Alte! der Alte!** Man küfat 
die Komfigur wie katholische Christen und verschiedene 
heidnische Völker Heilige und Götterbilder. In Baiern 
heifst das Emtemahl beim Einbringen des Alten Nieder- 
fall. Alle diese Züge deuten auf einen wirklichen Cultus 
Burück, den unser ältestes Zeugnifs ftr den Alten in der 
That bestitigt. Im Jahre 1249 nämlich mu(sten die tax* 
mittelbar nach ihrer ersten zwangsweisen Bekehrung zam 



37 

Cbristenthum ^eder abgeMlenen Bewohner der preulsi- 
solien Liandfiduifteii Pamesanie», Ermeknd und Ndtangen 
im Friedensschlüsse mit dem dentdchen Orden in die 
Htade des päbstlichen Legaten Jacob von Lüttich geloben: 
Tdolo quod semd in anno collectis fmgibus oonsvie^ 
vetunt confingere et pro deo colere, cui nomen Ourche 
impoBuerant^ rel aliia diis qui non feoerunt oelüm et termm 
quibuscnnque nominibn« appellentar, de cetero non libabunt. 
Sed in fide domini Jhesu Christi et eoclesie catholice ac 
obedientia et subjectione Romane eoclesie firmi et stabiles 
permanebunt.*® 

Nach Bielensteins auf sprachgeschichtlichem Wege 
nnabhängig Ton meinen Untersuchungen gewonnener, 
wenngleich durch mich angeregter Entdeckung, bedeutet 
Curch^ den Alten (lett. is-kurkt schwammig werden^ 
alt werden von Rüben ^ liik. karsze das Alter, karszti alt 
Werden).'" In der That gewährt die Friedensurkunde da6 
dn^ige echte ZeugniTs für den altpreuTsischen Curche und 
alle weiteren Angaben über ihn bei älteren und neueren 
Geichichtsohreibem ei^eben sich bei quellengeschichtlicher 
Untersuchung als schamlose Chronistenlügen oder leicht- 
sinnige Gombinationen. 

Der Name des Alten wird wie die polnische Baba 
liuf die letzte Arbeit in irgend einer Thätigkeit über- 
tragen, so dais z. B« auf einer unserer Unversitäten der^ 
jenige, welcher im Examen nach Dingen gefragt wird, die 
«r erst am letzten Abende eingepaukt hat, sich die 
Neckerei gefallen lassen mab, er habe den Alten ge&ngen. 
Ja auf den Holzfeldern und Schiffswerften ist vom Emte- 
felde der Name der Baba und des Alten übergegangen 
^auf die Sitte, die letzte Holzbohle küssend oder mit Ver- 
fertigung einer Puppe zu verehren. 

Vereinzelt, doch in weiter Verbreitung durch Eng^ 
laad, Dänemark, Deutschland bis zu den Südslaven treten 
die Namen, König, Königin, Haferkönig, Haferkönigin, 
Kong, Harvestqueen, Knis u. s. w. ftkr den Alten und die 



28 

Ahe ein. Man wird darunter das Oberhaupt der Kom- 
leute zu verstehen haben nach Art der Buschgrofsmutter, 
die als Konigin an der Spitze der Waldleute steht. 

Neben dem Kommanne und der Kommutter taucht 
ein Komkind in den Acker- und Feldgebräuchen auf. Die 
Hahnfirucht wird nämlich als ein Kind gedacht, dßs dem 
Schofse der Erde entsteigt und im Komschnitt von der 
Mutter gelöst wird. Deutlich erhellt diese Anschauung aus 
dem polnischen Brauch, dem letzten Schnitter zuzurufen: 
^Du hast den Nabel (p^pek) abgeschnitten^. In mehreren 
Kreisen Westpreufsens wird die aus der letzten Garbe ver- 
fertigte Menschengestalt B^art (uneheliches Kind) genannt 
und ein Knabe hineingebunden, oder ein gro&er Kerl 
hinter der Puppe versteckt. Der letzten Binderin, welche 

V 

die Zytniamatka (Kommutter) darstellt, rufen die übrigen 
zu, sie werde niederkommen; sie schreit und weint wie in 
Geburtschmerzen, ein altes Weib als Grofsmutter spielt 
die Hebamme; endlich ruft man, das Kind sei zur Welt, 
der eingebundene Knabe oder der hinten versteckte Mann 
wimmert nach Säuglingsart. Die Grofsmutter wickelt einen 
Sack als Windel um den Bankert, und jubelnd filhrt man 
das Kind, das draufsen nicht frieren dürfe, in die Scheune. 
Im südlichen Schleswig wird beim letzten ßappsaatdreschen 
das mit dem Namen Hörputtel begabte, menschenähnlich 
mit Kopf imd Armen gebildete letzte Gebund feierlich 
unter Zuziehung von Pathen getauft. Auch sonst heilst 
in Norddeutschland die letzte Garbe, ein ungebunden ver- 
gessener Schwaden, oder die daraus verfertigte Puppe das 
Kind, Horkind, Hurenbalg, Reppekindchen, der dicke 
Junge, Ernte kind, in England Kirnbaby (Komkind). 
Wer während der Erntezeit an Händen oder Füfsen Ge- 
schwulst bekommt, der „hat (in Holstein) das Ernte- 
kind", er ist unversehens auf das unsichtbar im Saatfelde 
weüende dämonische Kind gestofsen und ftir die Berührung 
mit Krankheit der berührenden Glieder gestraft. Der 
letzten Binderin ruft man zu: »Du kriegst das Kind**, 



29 

oder »Du kriegst die Wiege% dem Knecht, der ein 
Fuder umwirft: „Du hast Kindtaufen gegeben^ d. h. 
ihm ist das Komkind vom Wagen gesprungen, und er 
mufs nun mit der nächsten Fuhre eine schnell verfertigte 
Menschenfigur mitnehmen. Bleibt eine Garbe ungebunden 
liegen, so ist „das Wiegenstroh liegen geblieben'', gerieth 
der letzte Schwaden zu klein, so föhrt „die Schnitterin mit 
der Kinderwiege'*, sie mufs ihn sich von der nächsten Ar- 
beiterin ergänzen lassen. Vervollständigend tritt der 
Glaube ein, dafs die Binderin der letzten Garbe im näch- 
sten Jahre ein Kind bekommen werde. Schweizerische 
Sagen erzählen, dafs im Frühling in blühenden Kleefeldern, 
unter grünenden Büschen, zwischen der sprossenden Kom- 
frucht ein engelschönes feinlockiges Kind auf schneeweilsen 
Windeln liegend gefunden werde. Will man es aufheben, 
so wird es schwer und schwerer und verschwindet. Wer 
es erblickt, mufs sterben, aber seine Erscheinung verkün- 
det einen äufserst fruchtbaren und gesegneten Jahrgang^'. 
Es ist nicht ersichtlich, ob A. v. Flügi, der eine dieser 
Sagen poetisch bearbeitet hat, den Namen Kornkind 
der Überlieferung entnahm ^^, aber der Sache nach sind 
dieses im Frühling erscheinende Kind und das Emtekind 
unzweifelhaft eins. Wer gewahrte nun nicht, dafs mit 
dieser Entdeckung auch der Ursprung der Sage von Sce&f 
(Korngarbe) gefimden ist, der im Boote als neugebornes 
Kind auf einer Garbe liegend über das Meer kam, 
von den Angeln freudig angenommen und zum Könige 
erwählt ward.'^^ Wir lernen diese Überlieferung jetzt ver- 
stehen als eine Schilderung des über das Meer her, d. h. 
aus weiter Feme geschehenen Frühlingseinzuges des Ge- 
treidekindes. Schon Müllenhoff''^ hat richtig erkannt, dafs 
die Sage an Sceaf den Anfimg des Ackerbaues und ge- 
ordneter staatlicher Zustände knüpfte, weshalb sie ihn zum 
ersten König machte und als seine nächsten Nachkommen 
Sceldwa (Schildhalter, d. h. König) und Be&va (oder Beöva) 
d. i. Ackerbauer oder Emter nannte. 



30 

Das gdtdiche Jahreskmd vertauscht im YolkflgchraiiGh 
die Sänglingsgestalt zuweilen mit der vorgeachritteneren 
Büdnag puerilen oder soeben zur Mannbarkeit erbltlhen-» 
den Jugendalters, nimmt dann aber weibliches Gesohlecht 
an. Im Saatfelde weilt die Kommaid, die Getreidemagd; 
die letzte Garbe heifst Kornjungfer, Magd, ' in Schottland 
maiden, autumnaÜB njmphul^. £ine deutsche Form filp 
diecie Vorstellung ist auch der Kom^igel, vor dem man 
die Kornblumen pflückenden Kinder warnt, ond nach 
welchem die letzte Garbe genannt wird. Die Sage vom 
stillen Kinde bei Erfiirt schildert dieses Wesen, ohne es 
zu benennen, als ein etwa zehnjähriges Mädchen, welches 
mitten durch die Wiesen und Getreidefelder wandelnd mit 
einem brawirothen Stabe die Ähren und Blumen ab« 
schiigt; wer es antastet, verfiült in Wahnsinn.^^ Ein noch 
reifieres Alter bezeugen die Kamen Braut, Haferbraut, 
Weizenbraut Ar die letzte Garbe und die letzte Binderin. 
Zugleich machen sie den Übergang zu solchen Gebräuchen, 
in welchen Kornmann nnd Kornmutter als die zeugen- 
den Mächte der Vegetation paarweise dargestellt werden. 
Im Vorharz tanzen Hafermann und Haferfrau in Stroh 
gehüllt beim Erntefeste, im südlichen Theile von Sachsen 
Haferbraut und Haferbräutigam; man zupft ihnen 
die Komhülle vom Leibe, bis sie so kahl dastehen wie 
das geschorene Stoppel&ld. In Schlesien wird die Bin- 
derin der letzten Garbe ab Weizenbraut oder Hafer- 
braut, die Erntekrone (den Welskranz) auf dem Haupte 
tragend an der Seite eines Bräutigams, von Brautjungfer 
begleitet, in vollständiger Kaohahmung eines Hochzeit>- 
zuges feierlich zum Hofe eingeholt Eine Abart ist das 
Haberfan (Haber&hren) um Neisse, wobei auf einem Karret 
oder Eggenschlitten der Haferkonig imd die Haferkönigin, 
e&n abenteuerlich ausgeputztes Brautpaar, von Ochsen ins 
Dorf gezogen wird. Auch sonst treten in den EmtegebriÄi- 
chen^Mann und Frau als mjrthische Figuren zusammen auf; 
in England heifsen sie Jaok and Gill (Hans und Orete). 



31 

Halten wir diese Thatsachen mit den bei den thefrio- 
moapliiechen Komd4monen gemachten Wahrnehmungen en- 
samniett, so können wir uns echwerlich der Folgerung ent- 
ziehen, dafs, wenn zur Pfingsteeit im Walde da« Braut- 
paar gesucht, der wilde Mann nnd die wilde Frau aus 
dem Busch gejagt, im Mai der Latfcidikönig, der Maigraf 
iü grünes hmb gehüllt eingeholt wurde, wenn Bursche in 
Weiberkleideni unter dem Namen Huren ins sprossende 
Saatfeld laufen, in diesen Sitten dieselben Dämonen der 
Vegetation gemeint sind, welche auf den Anbau der Oul-* 
tnrfrücbte bezogen als Kommann, Kommutter, wilder 
Mann, Haferbraut, Haferbräutigam, Haferkönig, Tittewtf, 
grofse Hure u. s. w. uns entgegentreten. 

Ich will nicht ausführen, dafs auch unter den Dorf- 
g^fipenstem ein schwarzer Mann dem Wanderer aufhockt, 
dais die goldenen Wiegen, welche in die Tiefe versunken 
sind, die Weizenkönier und Flachsknotten, welche die in 
den Berg verzauberte Schatzhüterin zu sonnen pflegt, sowie 
manche andere Züge die Annahme eines Zusammenhanges 
der Hortsagen mit dem Mythus von der im Winter in die 
^dtiefe versunkenen Vegetation zu bestärken scheinen. 
Ich wende mich zu der Bemerkung, dais die fOr den ersten 
Augenblick aufiällige Thatsache der Identität nnserer 
K<»*ndfiimonen mit den Wind- und Wettergeistem auch 
dadurch bestätigt wird, dafs man gradezu der fahrenden 
Mutter, den Sdiauerjnngfrauen (Hageljungfrauen) eine 
Grarbe als Abfindung auf dem Felde stehen läfet. Und 
Frau Gode, Wodan, Odin, ftr welche Wiesenheu und die 
letzte Halmfirucht auf dem Acker bleibt, sind wieder die- 
selben Windwesen, nur um ein Weniges fortgeschritten in 
der Entwickelung zu fr«i waltender menschlicher Per- 
sönlichkeit. Im Winde Ührt das vnlde Heer durchs Ge- 
treide nnd macht die Saaten fruchtbar; man warnt vor 
Fni Göd, die im Korne sitze, die letzte Garbe heilst 
Erntewöd. Der Andieil der Frau Gode (VergAdendä) 
«nd die Aufforderong „Fru Gaue halet ju Föder'^ sind' 



32 ' 

wörtlich und persönlich zu nehmen, wie man auch för 
Frau Holle drei Ähren stehen läTst, damit sie nicht aus 
der Scheuer fresse. Doch trägt das Antlitz Wodans in 
den Emtegebräuchen schon mehrfach Züge höherer Gött- 
lichkeit, welche die Vermittelung bilden zu seiner hehren 
Gestalt in der Edda, und wenn im galizischen Volksglau- 
ben der alte Grofsvater (stary Dziad) im Korne sitzt mit 
drei langbärtigen Häuptern und drei feurigen Lanzen, so 
gewahrt man einen eigenthümlich slavischen Ansatz zu 
jenem vierköpfigen Swantewit, dem im zwölften Jahrhun- 
dert auf Rügen beim Erntefeste das Hörn mit weiszagen- 
dem Getränk gefällt wurde. 

Ich mufs hier schliefsen, um nicht Ihre langgepröfte 
Geduld auf eine allzu harte Probe zu setzen. Sonst hatte 
ich noch unumgänglich eine gröfsere Reihe anderer Kom- 
dämonen besprechen müssen, welche aufser den genannten 
in den Gebräuchen zum Vorschein kommen. Es sind 
theils Seelen Verstorbener als koboldartige, zugleich in 
Wind und Wetter waltende Hausgeister gedacht, Weizen-, 
Gersten-, Schotenpopel, Bubu, Bumann, Butzemann, Hafer- 
butz u. s. w., welche sich an mehrfache Gebräuche und 
Anschauungen benachbarter Völker von unmittelbarer 
Wirksamkeit der Verstorbenen im Komwachsthum an- 
reihen. Ihnen entsprechen wieder Frühlingsgeister, so dem 
Haferbutz ein Pfingstbutz u. s. w. Andererseits finden 
wir mythische Gestalten, den Göttern der römischen In- 
digitamenta Messer, Dea *Messia, Dea Terensis, Convector, 
Conditor ähnlich, als: der heilige Mäher, die Schnitterin, 
nfr. Rogslader (Drescher), Kornschaufel, Kornsack, Kom- 
klötzel (d. i. Komtonne). Sie gehen schon im Frühjahr 
vorspukend im Getreide um, und geschmückte, sie dar- 
stellende Personen werden beim Erntefeste umgefilhrt; 
hieran schliefst sich die Sitte, aus dem Korn der letzten 
Garbe symbolisch entweder den Schlüssel zu formen, der 
die Scheune zuschlielst, oder eine Komscheune selbst aus 
Halmen nachzubilden, über welche die Schnitter springen. 



8S 

In die Vorzeit zurücksteigend, rermochte ich ftr die 
S^mdämonen mehrere sichere Zeugnisse au&ufinden, die 
in das zwölfte und dreizehnte, zum Theil in das zehnte und 
noch frühere Jahrhunderte zurückreichen. Weit älter je- 
doch sind die überraschenden Übereinstimmungen, welche 
griechische und italische Gebräuche und Sagen ungesucht 
gewähren. Wenn Homer und Hesiod von Demeter be- 
zeugen, dafs sie auf dem dreimal gepflügten Ackerfdde 
den Jasion umarmte und den Plutos (den Getreidesegen) 
gebar, wer wollte das Komkind verkennen?'* Die Vorstel- 
lung von diesem wiederholt «ich, wenn nach ältester durch 
den Cultus bewährter Stammsage Attikas Erichthonios (der 
aus gutem Boden Entsprossene) vom Blitzgotte Hephaistos 
gezeugt aus dem fruchttragenden Ackerfelde Csßcopoc äpoopa 
emporsteigt als ein neugeborenes Knäblein, das in einer ver- 
schlossenen Easte von den Schwestern Herse (Thau), Pandro- 
soe (Aüthau) und Aglauros (die Heitere) gehütet und ge- 
nährt wird. Als eines der Mädchen die Kiste öj&et und 
den Dämon erblickt, wird sie wahnsinnig, gleich dem Be- 
schauer des Komengels, und wie die Berührung des Emte- 
kkides mit Geschwulst beslaraft wird. Und wie dem Sceäf 
ein Be4va (der Ackerbauer) entsprofst, wird dem Erich- 
thonios als Vorgänger oder nächster Nachfdiger Kekrops 
{der Schnitter) zugesellt. *" Wird man anstehen können, 
«ach diesen Analogien in der deutschen Komjungfer, 
Kommaid, der Weizenbraut, engl, maiden die deutsche 
Schwester des griechischen Demeterkindes, der Kalligeneia 
4a den Thesmophorien, der Köre in den Eleusinien zu 
«eben, deren xd&oSoc im Herbiste, deren £vo8oc im Lenz 
4>egangen wurde, und deren Raub dureh AMoneus mch 
der Jagd des seelenftlhrenden Wodan auf die Holzfräulein, 
des Odin auf die schwedischen Waldfrauen im baument- 
blätternden Herbste zur Seite stellt? Gleicht doch Demeter 
selbst — nach Ahrens Auseinandersetzimg die himmlische 
Mutter''® — in vielen Zügen, deren Nachweis ich bei diesen 
flflcbtigen Fingerzeigen nicht einmal andeutend unternehmen 



34 

dar^ unserer Kommntter. Wichtig sind besonders die Über- 
einstunmungen der Demeterkulte mit dem deutschen Volks- 
gebrauch in vielen Einzelheiten; aus altem agrarischem 
Ernte- und Frühlingsgebrauch sind bei ersteren viele Reste 
in dem fortgeschritteneren, von ethischen Ideen bewegten 
Gottesdienste stehen geblieben. Wie bei uns in der letzten 
Garbe der Mutterschofs des Komdämons aufgefunden 
wird, trugen Weiber in den Thesmophorienkulten die 
Nachbildung eines solchen umher. Wenn im Demeter- 
dienst die Festfeiemden sowohl einander schmähten, als 
die Vorübergehenden mit derben Redensarten erotischen 
Inhalts neckten, so finden sich beide Sitten bei uns mit 
der Erntezeit und mit der Einbringung sowohl des therio- 
morphischen, als des anthropomorphischen Getreidedämons 
verbunden. In Deutschland wird der Pflüger bei erst- 
maliger Ausfahrt, die heimgeführte Emtepuppe beim Ein- 
tritt in den Hof mit Wasser überschüttet, um Regen auf 
die Saat im heurigen und nächsten Sommer herabzulocken; 
in Eleusis gofs man zwei Plemochoen voll Wasser aus 
gen Himmel und gen Abend zum Sitze der chthonischen 
Gotter gewendet unter dem Ausruf : „regnel" und „bringe 
hervorl'^'* Lityerses hiefs bei den Phrygem ein Schnitter- 
lied.®® Nun erzählt ein Fragment des aus Troas gebürtigen 
Tragikers Sositheos von einem angeblichen Bastarde des 
Midas, dem Lityerses, der an dem Ufer des Mäander den 
sommmerlangen Tag Weizen schnitt und echten Drescher- 
appetit bewährte. Kam ein Fremdling vorüber, so lud er 
ihn erst zur Theilnahme am Mahle ein, dann wieder ans 
Mähen des mannshohen Getreides gehend, ergriff er plötzUch 
den Gast, band ihn in eine Garbe und schnitt ihm den Kopf ab. 

ffpiTTQ Oep^Cei* TÖv 6^vov hk öpd^fiaTi 
0({>T(j) xuXfcrac, xpaxdc öpcpavov cp^pei.^^ 

Mehrere deutsche und schwedische Gebräuche machen 
wahrscheinlich, daß; man Unbekannte, welche zufällig an 
einem Emtefelde vorübergingen, ftr eine Erscheinung des 



35 

vor den Sichebi entweichenden Komgeistes, z. B. des 
Haferbocks, ansah; nach Ausweis alt-ägyptischer Wand- 
gemälde schnitt man im Orient das Korn hart unter den 
Ähren ab.®^ So rechtfertigt sich die Vermuthung, dafs das 
Lityerseslied die Erinnerung an einen uralten barbarischen 
Brauch bewahrte, Fremde, die ohnehin vogelfrei waren, 
als Repräsentanten eines im Korne hausenden Dämons mit 
diesem zu enthaupten. In Griechenland rückt die trö- 
zenische Sitte der Lithobolien zur Erinnerung an die ge- 
steinigten cerealischen Dämonen Damia und Auxesia an 
die Steinigung des Getreidehahns in deutscher Sitte.®^ 

Ähnliche Beispiele lielsen sich häufen. Auch unser 
Haferkönig findet nur auf einem anderen Vegetationsge- 
biet ein Analogon. Ein Curiositätensammler des Alterr 
thums, Isigonos aus Nicäa, weifs von einem lydischen See 
zu berichten, der den Nymphen heilig war. Er trug 
Bohrstengel die Fülle; einen aber gröfser als alle nannten 
die Umwohner den König. Und Jahr fiir Jahr begingen 
sie ein Fest und Opfer, um den König geneigt zu machen. 
Sobald der Klang der Musik am Ufer erscholl, tanzten die 
Kohrhalme, und der König mit ihnen tanzend bewegte 
sich dem Ufer zu. Die Einwohner aber schmückten ihn 
mit Tänien und flehten, im nächsten Jahre möchten sie 
selbst und er wieder da sein zur Vorbedeutung ger 
segneter Ernte.®* Vielleicht wäre es nicht allzukühn, 
selbst eine unserem Alten ähnliche Figur wiederzufinden, 
wenn aus der vorwiegend aus agrarischen Mythen zusamr 
mengefiickten Urgeschichte Attikas berichtet wird, zur 
Stillung einer Hungersnoth seien des Hyakintho9 
Töchter Antheis (die Blüthenmaid) und Aiglöis (die 
Strahlende) auf dem Grabhügel des Kyklopen 
Geraistos (archaist. Superl. zu ^Ipoiv, •Yfipai6c) getödtet 
worden.®* Denn Hyakinthos ist anerkanntermafsen eine Per- 
sonifikation der im Hochsommer absterbenden Vegetation.®^ 
Die Nahrungslosigkeit, welche mit dem Aufzehren der 
alten Vorräthe eintritt, hört auf, sobald das Getreide ge? 

4* 



»6 

Bchnitten, nwii dem Tode des Alten «nch die leüste 
Bktme rerwdkt ist. Doch diese Hypothese bei Seite ge- 
stellt bis anf -weitere Untersuchimg, erhält nicht das Wesen 
tfer bockgestaltigen Satyrn, Pane iind italischen Faune, 
die in Wiese, Wald und Äckern (Fauni dicti ab eo quod 
frogibus faveant®'') ihr Spiel treiben, durch unsere thierge- 
«taltigen Komdämonen einen neuen und ungeahnten Auf- 
sehlufs? Da durch sie das Vorhandensein theriomor- 
pluscher Geister der Vegetation im gräko-italischen Mythos 
im höchsten Grade wahrsdlieinlidi wird, dArfen weitere 
Spuren derselben ins Gewicht Mlen. Nach Lobecks ein- 
leuchtender Emendation einer Notiz des Pausanias^^ wurden 
in den Thesmophorien zu Potniä bei der Feier des heibst- 
lidien Niedergangs (xotftoSoc) der Köre in die unterirdi- 
schen Höhlen (ftl^apa), welche den Schlund nachbildeten, 
durch den das Demeteikind in die l^efe fuhr, neuge- 
4M3rene Ferkel hinabgelassen, von denen man meinte, sie 
kämen im nächsten Jahre wieder zum Vorschein. Man 
prOFe, ob diese Schweinchen etwas anderes seien, als die 
mit der Wintersaat in den Sdiofe der Erde yerborgenen, 
mit der sprossenden Saat wieder ans Licht steigenden 
€hetreidedämonen (Komsäue) des neuen Jahres. 

Ich will nicht an die italische ambarralis hostia, aa 
liea Ausdruck porca ftr Ackerbeet eine vielleicht unbe- 
«weisbare CoDgectur knüpfen, in Oberitalien vermag ich 
£e Boggensau nachzuweisen, der Drescher der letzten 
^ktibe keifitt purzita (= porcella). Wenn aber Pausanias 
▼om Dienste der Demeter Chtbonia in Hermione etfuhr, 
€db alte Frauen zur Erntezeit im Tempelraum Kfihe auf 
meinen Streich mit einer Kornsichel tödteten®% so ver- 
j|;leicht sich das au& nächste der pikardischen Sitte: 
^' jetter au pourcel d'une faucille, woneben schon im Jahre 
1982 der Brauch jette-r ä un boeuf nachweisbar ist^% und 
dem englischen Emtebrauch in Herefordshire mitden Sic^hi 
flach dem letzten Gebunde zu weifen und zu rufen: „Ich 
haibe sie, icli habe sie, ich habe die Hexe (mare).^ 



91 



Anmerkungen. 



1) S. a. B. Maanhardt^ Boggenwolf «id Roggenhnad. Aufl. 2L 8. 29. 
Gorrespondenzblatt- des GesaqpmWereiiw d. D« G^chiehts- und Ahnlknmt^ 
▼ereine. 1865. S. 87. 

i) Rog^enirali; 6. 431 

3) Dil Cbiige, glosSr wed; aen ed. Hensebel. »i v, ponrelietaff^ 

4) Banmer, Gleachicfcte der Hohenstanlbn. VI. d8Qi 
5), livi. I. 54. Herod; V. 92. 

6) Frischbier, PreuA« Sprichwotter« Aufl. 2. Nb. 1508; 

7) Pimzer, Beitrag z. Deutsdi. Mytbol. M. S: 22S; Bixünger, Vblk» 
tikanh a. Schwaben n. 425, 379. 

8) G. O. Hjlt^n-OaTalliii8,'Wären<i ocdi Wirdame. Sto^Uolm H64 
8. 240 ff. Hiemit vgl. man die Überlieferungen von der deutschen Boggea*^ 
8Mb (Boggeswc^ S. L %X 

9} Vg^ Weinhold, Weihmo&tspiele und Lieder. S. 10 mit Schön*» 
Wfor% a. d. Oberpfals. L S. 402w 

1)0> Kuhn und Sohwartz, Nbr^dentsohe Sagen. S. 403. GK 125. W«üiK 
jmmI, a* a* vK o. 

11) Handelmann, Weihnachten in Schleswig^Holsteia. 8/72. 

12) Kuhn und Schwartz, a. a. O« & 403. 6. 126. Vgl. die Sidy«»^ 
Uifp.. AdventshräBiy auch Adventeä, KroBtschweiBJ, eiserä schwaii|| 
(a=s iserne Range oben S. 11) gäldil. scbweinj, Getts^borich genantd^ 
Schuster Wodan. S. 22. 

13) Schambach-Müller, Niedersächs. Sagen. 8. 158. Noi 172. 173. 

14) WnrzlMich, Spjdchwörter der Pclto. S. 148. 150; 

15) Jahrbücher für Landeskunde d«r Herzogtbamer Sebieswig-Efolstein 
und Lauenburg. B. HI. S. 16ä. Vgl. Zacher, Genovellu Sr. 59. 

16) Aazeigev für Kunde der D. V^oczeit. 18621 8. 32S. SchmeUer» 
WiL W^ L 152. 

IT)' ScUesien. VgL Bidinger, VbfiMthiiad. a. Schwaben. D. ^3, 19&. 
AyiBltnkaJfay Apvillenbock. im. Sbdigan sagt man: 

Apiillenfcalft' mit doiaem sieben- Staaga 

'^ Jahv Witt, de wiedes ftngau 
m Suhl». We9im. Sa«i IL & IGOrff. Mythi*<7d6. VgL BidlDg«;. 



38 

Yolkithfiml. a. Schwaben. TL 121, 146. die Moosknh, und der Böychcrl- 
bär Scbönwerth, a. d. Oberpfalz II. 351. 

19) Myth.* 724. Kuhn und SchwarU, a. a, O. 390. G. 78 •• 
Schätze, Holst. Idiot. HI. 163—167. 

20) Myth. « 748. Kuhn und Schwartz, a. a. O. 388. G. 72. Kuhn, 
Westf. Sag. IL 160. Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung and 
Sage. m. 30. 46. 

21) Panzer, Beitr. z. D. Myth. L 231. 11. 81 ff. SchmeUer, Bair. 
Wb. I. 320. IV. 172. Myth.« 562. 

22) Zs. f. d. Myth. I. 139. 

23) Panzer, a. a. O. IL 233. E. Meier, D. Sagen und Gebr. aus 
Schwaben. 439 ff. 445. Birlinger, a. a. O. H. 426. 428. 

24) S. Roggenwolf, S. 1 ff. 

25) Stöber, Sagen des Elsasses S. 15. 31. 86. 114. 124. 225. 22S. 
Stöber, Neujahrsstollen 1850. S. 34 ff. Schmitz, Eifler Sagen. IL 36. 
Bochholz, Natunnythen. S. 74 ff. Bochholz, Schweizersagen a. d. Aargau, 
a. a. O. I. u. II. Schambach und Müller, a. a. O. 196 ff. Baader, Volkss. 
aus Baden I. S. 229. 275. Zingerle, Sagen, Märchen und Gebr. aus TiroL 
S. 119. Niederhöffer, Mecklenburgs Volkss. U. 225. 114. IV. 28. 

26) Schambach und Müller, a. a. O. S. 193 ff. Kuhn, Westf. Sag.L 
8. 142 ff. Rochholz, Naturmythen. S. 85 ff. Rochholz, Schweizersagen 
n. 36 ff. 

27) Grnndtyig, G. Danske minder, n. 253 ff. Hylt^n-Cavaltins, 
a. a. O. 341 ff. Die Eiikeyarsel und Kyrkogrime sind andererseits nicht 
SU trennen von den unter Gebäuden eingemauerten Menschen, Eindem 
u. 8. w. (Myth.* 1095. Panzer, a. a. O. H. 254. 559), ein Gebrauch von 
weiter Verbreitung, welchen Bastian (Völker des östl. Asiens IL 91) mm 
auch aus Birma nachgewiesen hat Einer späteren ausführlicheren Dar- 
legung, welche das Verhältnifs der Komdämonen zu den Seelen und Haus- 
geistern zu besprechen haben wird, mufs die Erwägung dieser Terwandt- 
«chafilichen Reihen Torbehalten bleiben. 

28) Hylt^nCavaUins, a. a. O. S. 240. 

29) Pröhle, Harzsagen 136. 

30) Rochholz, Schweizersagen a. d. Aargau. L 105. No. 95. 

31) Rochholz, Sagen des Aargans. I. 99. No. 86. VgL Meier, Sagen 
a. Schwaben. S. 98. No. 110. 

32) Tömer bei Hylt^n-Cavallins. a. iu O. S. VH. Auf dem Gute des 
Herrn Hylt^n-Cayallins Stora Malen in Smlland war ich im September 
dieses Jahres Zeuge des oben beschriebenen Emteopfers für die Gloso. 
Auf Befragen erklärten die Leute, die Gloso und Gräfso seien verschie- 
dene Wesen; letztere sei ein Eyrkogrim, d. h. der als Hüter der Kirche 
wachsame Geist eines beim Bau dort vergrabenen Thieres. Nach dem 
Volkaglauben in Schonen ist die Gräfso die Seele eines ermordeten 






89 

Kindes welches im Grabe nach fünfzig Jahren zuerst anf einer Seite, 
nach abermals fünfzig Jahren anch anf der andern Seite in Schweinsge- 
stalt sich wandelt. Sie wohnt in Erdhöhlen nnd streift Nachts auf Wegen 
and Stegen umher» läuft den Menschen zwischen die Beine und spaltet sie 
mit ihrem scharfem Rücken. S. Nicolovius, Folkellfvet i Skjtts h'arad 1 
Skane. Lund 1847. S. 183. Übrigens heifst der gemeine Dachs, meles 
taxns, in SÖdermannländ und auch wohl in weiterer Verbreitung gräfsvin 
(s. Ekström, Beskrifning öfver MörkÖ Socken. S. 16). Hiezu stimmt, dafs 
Dachse die Schweine der Frau Harke und des Fräuleins im Kyffhäuser 
Bind (Kuhn, Nordd. Sag. S. 111. No. 126, 4. Pröhle, Deutsche Sagen. 
S. 261. No. 204.). 

33) Grundtvig, G. Danske minder. II. 89. Vgl. 232. 

34) S. z. B. Schatzhüter Hund, Drache Mjth.' 929. Schwein 
Am^ie Bosquet, la Normandie romanesque et merveilleuse. S. 154. Scham- 
bach und Müller, Niedersächsische Sagen. S. 111. Müller, Siebenb. Sag. 66. 
Vemaleken, Mythen und Bräuche des Volkes in Oestreich. S. 135. Müllen- 
hoff, Schleswig-Holst. Sagen. S. 204. Ochse Am^e Bosquet S. 151. 
Schambach und Müller, a. a. 0. S. 112. Müller, Siebenb. Sag. No. 99. 
106. 110. 11 6. Ziege Baader, Badische Sagen. I. S. 278. Katze Schön- 
werth, aus der Oberpfalz II. S. 401. Rochholz, Schweizers, a. d. Aar- 
gan I. S. 248. U. 54. No. 286«- Truthühner Müller, Siebenb. Sag. 67. 
Der Schatz selbst tritt auf in Gestalt dieser Thiere. Goldenes Kalb 
Rochholz, a. a. O. I. S. 103. Baader, I. S. 34. 85. 140. Zingerie, Sagen, 
Märchen, Gebr. aus Tirol. S. 248. Silberner Ochse Müller, Siebenb. 
Sag. S. 77. Goldene Sau Panzer, Beitr. z. D. Myth. I. 19. Goldenes 
Lamm Zs. f. D. Myth. I. 35. Henne auf goldenen Eiern Müller, 
Siebenb. Sag. 71. 75. Wenn es in anderen Sagen heifst, dafs ein schwar- 
zer^ Bock, eine schwarze Katze, ein schwarzes Huhn getödtet werden 
müsse, um zum Horte zu gelangen, so ist damit ursprünglich die Tödtung 
des Schatzhüters selbst gemeint, der also hier als feindlicher winterlicher 
Dämon (wie MitotSinn, Oller neben O^inn) aufgefafst wird. Auch die schatz- 
hütenuen Thiere hocken sich Vorübergehenden auf den Rücken. Amelie 
Bosquet, a. a. O. S. 150. 

35) Kuhn, Zs. f. Tgl. Sprachforsch, m. 451. Zs. f. D. Myth. lU. 
383. M. Germ. Mythenforsch. S. 149 ff. Schwartz, Ursprung d. Myth. a. m. O. 

36) Schmitz, Sitten und Bräuche des Eifler Volkes I. 95. Kuhn nnd 
Schwartz, Nordd. Sag. 397. G. 104. 

37) Schfiister Wodan. Hermannstadt 1856. S. 38. 

38) Vgl. Kuhn, Westf. Sag. H. 180 ff. 

39) Petersen, die Pferdeköpfe auf Bauerhäusem. Kiel 1860. S. 8. 
12. 17. 

40) Handelmann, Volks- und Kindersp. S. 20. 21. Brand, popnhur 
•ntiqnities of Great Britain. ed. EUis. I. 76 ff. Stratt sports and pastimee 



M 

of tlie people of Bngtoad* ed. W. Hone. 388 £ 849. 870. Hone, 
d«j book. L 345 ff. 

41) V^ Brttncl a. a. 0. L 8a 

43} Vgl Ghist. Frejtag, neu« Bilder mos dem Leben d. D. VMMe« 
8. 149. 

43) M. Götterwelt 8. 201. 302. De Köre, TAyikta, eoatmae« et Ik«h 
dhione des proyinces de Frence. 8. 855. Boohhols, Sagen dea Aar^n««« 
ü. 289. Reingbers^-Düiingsfeld, Festkalender ans Böhmen. S. 363 ff. Anch 
das PommerBche Taabenabwerfen aa Pfingüen eingibt eieh nnn (vgL da« 
HolftMn. Duyengelag und Daventrundeln) als unabhängig von der Dav^ 
Stellung des heil. Geistes als Tanbe. 

44) Panzer, a. a. O. II. 504. 

45) Schambach nnd Müller, Niedere. Sag. S. 158. 356. 

46) Provinz Prenfsen. Vgl. Corenans, l'anntfe Belgiqne. S- 10& 
Entsprechend ist d«9 gradezn auf die Ernte besfigUche SchweinorahoL 
Montums, Volksfeste. I. 13. II. 170. 

47) Dybeck Buna. 1844. S. 117. Rudbeok, Atlantica II. 281. 

48) Annales Corbejenses ad aan. 1048 bei Grimm, Myth. ' 939« 

49) Müllenhoff, SchleswigwHolst. Sagen. S. 203. Sohambaek m^ 
MnUer, S. 108. No. 137, 1. Knhn und SchwarU, a. a. O. p. 11. 46&r 
Den Schatz kann nur hebeU) wer einen schwarzen Hahn, der eine eisern* 
Egge sieht, über's Haus fliegen läfst Grinaa, D. Sagv L 48. Zwei 
Beispiele ans Arablachen Märchen fiUnrt Cassel, Eddische Stadien^ 
S. 63 an. 

50) Schwarae Glucke auf Eiern brütend. Müller, Siebenbirg. Segr 
S. 71. Henne mit zwölf goldenen Küchlein. Pluqnet, oontes popuiuief 
de Tarrondissement de Bayenx. Ronen 1834^ p. 23. Im Berge bei Tvatüf» 
sitzt eine Henne mit zwölf goldenen Küchlein. Einmal im Jahre, wenn 
der Weizen blüht, fuhrt sie die Jungen ans dem Beige. Grohnuuai^ 
Abei)^. a. Böhmen. L S. 214. Henne sitzt über goldenen. Eiern, wo ein 
goldenerPflug vergraben ist. MüUer, Siebenbirg. Sag. S. 75. Diese Heaaer 
wandelt auch auf Erden herum» wie die Dorfthiere. Firmenich, VölkerstiH.^ 
S. 299 ff. Curtze, Völksüberl. a. Waldeck S. 237. No. 68. Während de« 
Gewitters sieht man sie beim Leuchten der Blitze auf den Eiern sitzen. 
Stöber, Alsatia 1854. S. 202 ff. Die Identität dieser Henne mit den iot 
Anm. 49 berührten Hühnern zeigt die Sage bei Seifarty Hildesheim. Stg. L 
43. 44. Übrigens ist die Vorstellung von der Goldeier legenden Henn^ 
auch weiter über indo-europälsciies Gel»et verbreitet. 8. Benfey, Pantscha- 
iantra I. S. 378 u. O. KeUer bei Fleckeisen, Jahrb. f. kTass. PhU. 1862. 
SUpplementb. IV. 3. p. 346. Zm vergleichen st^en die Erzählimgen von 
Gänsen, Enten und Schwänen, die auf goldenen Eiern brüten. E. Sommer,; 
Safen und Gtobr. aas Thüringen. 8. 63. No. 56. Kuhn and Schwarts, 
a. a. a S. 308w No. 233. Gans mit swölf goldenen Eiern. Im Hügsl 



41 

SU Holbeck in Dänemark eitot ein Schwan auf Goldeiern. Seinem Yer- 
f olger brennt das Hans ab. Thiele^ Danske Folkesagn I. p. 5S. 

51) Hyk^n-CavalUns» a. a. O. 463. Nach den iSohonischeiv Sagen 
nihunt die den Schatz bewachende Seele soerst die Gestalt eines äahnea 
8«, nach hundert Jahren diejenige eines grofsen Bandes, nach abermals 
]Mui4est Jahren wird sie zam Drachen, grade so wie die Seele des er« 
mordeten Kindes nach hundert Jahren sich in die Gräfso wandelt. 

52) Kuhn, westphäl. Sag. I. 870 mit Anmerk. Wolf, Hessische Sag. 
75 0>Uaer Gickel). Kuhn und Schwartz, a. a. 0. S. 421. G. 210. Steader, 
Lett Gramm. S.298. Alaräunchen= Vogel legt Goldeier Vemaleken, Mythen 
nnd Bräuche S. 260. No. 60. Gräve, Sagea der Lausitz S. 178. No, 82. 
Alraun,, grünlicher Vogel mit blutrothem Kamm Rochholz, Aargausag. IL 
S.434 Ifsvogel = Alraun, Panzer H« 261. Altreindl = Vogel a. SchöOf 
werthi au d. Oberpfalz. I. 339. Stepke = Vogel Pröhle, Harzs. 103. 

53]{ Vemaleken, Mythen und Bräuche. 8. 260. No. 61. Der Kom^ 
Weizen oder Gerstendrache erscheint als schwarzes Huhn, das zUr einem 
^änsler in den Hof kommt, mit Hirsebrei gefüttert, Korn, Weizen odei^ 
Gerste haufenweise ausspeit und sehliefslich vernachlässigt das Haus in 
Brand steckt. Firmenich, Völkerst. II. 309 ff. Deutlich mischt sich in 
diesen Sagen die Vorstellung vom Blitzvogel (Kuhn, Herabkunft des Feuere 
& 29 ff. 105 ff. 138 ff.), mit Zügen, die vom Korn entführenden Stnrm- 
und Wirbelwinde hergenommen sind. Dem Blitze schrieb man Einflula 
auf die Kornernte zu, weshalb er in Norwegen und Schweden Kornmode 
heifst, daher ist der Blitzvogel Bringer der Fruchtbarkeit. Dafs dieses 
unter den vogelgestalteten Komdämonen zu verstehen ist, geht u. A. auch 
aus Pluquefs Angabe (Contes popolaires. S. 44) hervor, dafs dem 
Zaunkönig, der da» Feuer vom Himmel brachte, einige Halme Korn oder 
Buchweizen auf dem Felde bleibeui. 

54) Drache = Hund. Beusch, Sagen des Samlandes. 2. Aufl. 8. 80.. 
1^0. 71. Alraun Hund. Rochholz, Schweizers. U. S. 42. Schönwerth L 
377. Kobold ^ Hund, liegt vor dem Scheunenthor auf einem Pfluge 
rade. MüUenhoff, Schleswig-Holst. Sag. 207. No. 282. Kombringender 
Kobold «s Katze. Stender, Lett Gramm. S. 298. MüUenhoff, Schleswig- 
Holst Sag. S. 207. No. 281. Kuhn und Schwartz, a. a. O. 421. G. 206, 
Diache =s Kalb, Kuhn und Schwartz» a. a. 0. 421. No. 210. Nissf 
n Hüsbuck, Gaardbttck. Gmndtvig, G. D. Minder. S. L 135. 126. 142* 
Drache « Hase. Witschel, Thüring Sag. S. 323. 

55) Nesselmann, Litfa. Wb. 8. 277. 493. N. Fr. ProTiazialbl. IL 880. 
No. 24. 

56) M. Germ. Mytheaforscb. 8. 300. 

57) M. Götterwek. 8. 111. 116. 154. VgL z. B. Grundtvig, G. D. M. 
i. F. IL 94. HL 58. 6a 61. 62. 

58) Boggenwolf > 8. 42. 



42 

59) Vgl. E. Meier, Schwab. Sag. S.*132. No. 145, 2. 

60) Germ. Mythenforsch. S. 59. 

61) Fürst Wladimir und seine Tafelrunde. Leipzig 1819. S. 109. 
Tschurilos Fahrt (nach einem Märchen bearbeitet). 

62) Kuhn, Herabholung des Feuers und des Göttertranks. S. 12 ff. 
111. 161. 204. M. Germ. Mythenforschnng. 17. 18. 27. Götterwelt 
S. 195. 

63) J. W. Wolf, Niederl. Sag. S. 591. No. 491. 

64) Afanasiew poeticzeskija wozzrenia slawian na prirodn. Moslem 
1865. I. S. 697. 698. 

65) Bcitr. z. D. Myth. II. 551. 

66) Panzer, a. a. O. II. S. 70. 160 ff. Myth. 403. 404. 451. 452. 
881. 882. Schönwerth a. a. O. II. 358 ff. Bömer, Sagen a. d. Orlagaa 
S. 188 ff. u. s. w. Wenn man ein Bäumchen auf dem Stamme dreht, so 
dafs der Bast losspringt, mufs ein Moosweibchen sterben. 

67) Linn^, Gothl. resa, p. 312. Hylt^n-Cavallius, a. a. 0. 215. 277. 
Püttmann. nord. Elfenmärchen. S. 71 ff. Afzelius, Volkssagen, übersetzt 
von üngewitter. II. S. 311 ff. Dybeck, Rnna 1844. S. 44. Die Skogs- 
fm, Skogsnufva fahrt sausend im Unwetter -durch die Luft, Bäume ent- 
wurzelnd und Regen herabschüttelnd. Sie trägt lange über die Achseln 
geschlagene Brüste, ist hinten hohl wie ein Backtrog und trägt einen 
langen Schwanz. Wanderer im Walde verirrt sie; mit Menschen, denen 
sie dann in lieblicher Gestalt erscheint, sucht sie eheliche Verbindung. 
Das Wild des Waldes gehört ihr. Sie wird von König Oden, einem 
ungenannten wilden Jäger mit zwei schwarzen Hunden oder 
von Wölfen gejagt (vgl. Beusch, Sag. d. Samlands ' S. 25. No. 20). Ihre 
Identität mit den deutschen Waldfrauen, Holzfräulein, Moosweibchen geht 
noch deutlicher aus einer Aufzeichnung des Herrn Baron Djurklou aus Nerike 
hervor, in welcher die mit einem irdischen Manne vermählte Waldfraa 
(Skogsfru) denselben veranlafst, drei Schläge mit der Axt in einen 
Baum zu thun, worauf sie, die auf kurze Zeit ihre halbthierische Ge- 
stalt wieder angenommen hatte, aufs Neue das Aussehen gewöhnlicher 
Menschen gewinnt. Vgl. die drei Kreuze, welche die Holzfräulein und 
Moosweibchen in den Baumstamm einzuschlagen anbefehlen, um gegen 
den wilden Jäger geschützt zu sein. Jenes Verirren von Wanderern im 
Walde heifst skogtagning. Der gemeine Mann in Schonen drückt sich 
davon redend gewöhnlich aus „skogen hallder**. Fragt man ihn aber, 
ob der Wald selbst es sei, der festhalte, so antwortet er »nej skogsrade*. 

68) Myth.» 452. 

69) Cod. diplom. Warmiens. ed. Saage & Wölky. I. p. 28 ff. 

70) Magazin der Lettisch-litterär. Gesellschaft. XIII. S. 99. 

71) Grimm, D. Sag. I. S. 19. No. 14. Rochholz, Schweizers, a. d. 
Aargan I. 274. No. 186»- 



43 

72) A. T. Flagi, Volkssag. a. Granbündten. Chor 1840. S. 122. 

73) Grimm, Myth.^ XVn. Eemble, über die Stammtafel der West- 
Sachsen. S. 15. 

74) Haupt, Za. f. D. Alterth. VII. 410 ff. 

75) Falkenstein, Historie v. Erfart. S. 1037. b. Witschel, Sagen ans 
Thüringen. S. 314. 

76) Hom. Od V. 125. Hesiod, theog. 969. 

77) Hom. n. n. 547. Od. VH. 80. Pausan. I. 2, 6. I. 18, 1. 2. 
Apollod. bibl. IH. 14, 1. 6; 15, 5. Lauer, System der griech« Mythol. 
333 ff. 341. 382. Preller, griech. Myth. I. 158. 159. 167. Curtius, 
Grandzüge der griech. Etymol.^ 133. 

78) Philolog. XXm. 2, 211 ff. M. Müller, Vorles. üb. Wissensch. 
der Spr. übers, v. BÖttger. Ser. II. S. 474. 

79) Procl. ad Piaton. Tim. p. 293. Vgl. Philol. XXIV. 1866. IL 235. 

80) PoU; onomast. I. 38. IV. 54. 

81) Athen. X. p. 4l5 b. Schol. Theocr.^ Vm. 93. X. 42. Hesych. 
8. ▼. T. Lityersas e. Mariandynos. Said. s. v. Lityerses. Aelian, yar. hisL I. 
27. Welcker, die griech. Tragöd. m. 1252 ff. 1256. Naack, trag. Gr. 
639. Gottfr. Hermann, opusc. I. 54 sq. 

82) Wilkinson, a populär account of the ancient Aegyptians. H. Tab. 
867. 370. 

83) Paasan. IL 32, 2. 

84) S. Isigon. iniar. H. bei Sotion, paradox, ed. Ideler, 44. p. 188; 
Paradoxograph. ed. Westermann XXX, 190. Vgl. Aelian Var. bist H. 14. 

85) Apollodor. bibl. IH. 15, 8. Die W. ye^ = Skr. jar-&mi gebrechlich 
werden, war dem Griechen für das Reifen und Altem der Gewächse ge- 
läufig. Vgl. yriqav altern vom Reifwerden der Ähren (frrdxves\ Eusth. 
p. 1197. 52; ye^yiQifioi reife Oliven oder Feigen, yri^etov die Federkrone 
auf dem reifenden Samen mehrerer Pflanzen, der auch nannos Grofsvater 
hiefs (etwa durch ähnliche Metonymie wie clavus secalis Kommutter?). 
Vgl. a. ysQCLvS^oVf y^ala iQelxri, y^cua axav&a, tnoufvXrj yQalrj, Von 
einem persönlichen Dämon Geraistos könnte ursprünglich der trözenische 
Monat GeraisUos, der spartanische Gerastios genannt sein; der trözenische 
Festbranch dieser Zeit weist deutlich auf ein agrarisches, ja ein Erntefest, 
£alls aus der Analogie der Eronient ländlichen Dionysien, Pelorien, 
Anthesterien, Satumalien und deutschen Erntefeste ein Schlufs erlaubt ist 

86) Preller, griech. Myth. L 197. 199. 

87) Serv. Georg. L 10. 

88) Paasan. IX. 8. Lobeck, Ag^pham. 829. 

89) Paasan. 11. 35, 4 ff. 

90) Du Gange, ed. Henschel L 735. s. y. bos. 

91) Halliwell, Dict. of arch. s. v. mare, bei Kuhn und Schwarts, 
a. a. O. S. 515. 



BITTE. 



JDer Unterzeichnete enncht alle Freunde de« Yolkilebens ttber di«- toh" 
genden Fragen Erkondignngen einzuziehen und ihm dae Ergebniss ihrer Nft«dir> 
fbrschongen gütigst mit so vielen Einzelheiten wie möglich mitteilen zn wollen. 

1} Sind in Ihrer Gegend noch besondere Gebräuche bei der Acker* 
beeteUimg, dem Sllen, dem Misten, bei der Heu-, Korn-, Hanf-, 
Flachs- und Kartoffelernte, dem Dreschen, Flachs- und Hanf bfredutt 
in üebung, zumal solche, welche in den nächstfolgenden. Fragen 
nicht berührt werden? Man bittet gütigst alles mitsutheilen, was 
darüber zu erfahren ist. 

2) Wie iet der Hergang bei der Aussaat? Bei der Ernte ? Wird das 
Getreide von den Bauern mit der Sichel oder mit der Sense ge« 
schnitten? Wird es dann gleich gebunden, oder bleibt es fttrend 
in Schwaden liegen? Werden in Bezug hierauf Unterschiede bei 
den einzelnen Fruchtarten gemacht? Beobachtet man, dasa der 
Wind den Bauern auf die Sense fkllen mnss u. dgl.? 

8} Wird das Schneiden der Frucht und das Binden der Garben rv» 
denselben Personen besorgt, oder durch verschiedene (Männer und 
Frauen, Fremde, Arbeiter)? 

4) Sind beim Säen alterthtlmliche Gebräuche und Meinungen vorhan- 
den? Werden z. B. am Palmsonntage, Ostern u. s. w. geweihte 
Kreuze oder Ahornarweige in das Flachsfeld oder Kornfeld zur Ab- 
wehr von Hagelschlag und Blitz gasteckt? Gelten gewisse Tagv 
(Montag, Mittwoch, Gründonnerstag u. s. w.) für günstig: oder u»* 
günstig zur Aussaat der einzelnen Getreidearten? Achtet man bei 
der Aussaat auf den Mondwechsel, auf Wolkenerscheinungen, Lichf^ 
u. dgl.? Und in wdcher Weise im Einzelnen? Sieht man darauf^ 
daas das Säetncb von einem siebenjährigen Kinde gesponnen sei? 
Werden Umzüge mit HeiUgenbildem oder dergL um das SaatMii 
veranstaltet? Wird der erste Pflug mit Wasser begossen? Wird 
unter das erste Saatkorn etwas besonderes gemengt? Sagt man» 
dass der Sämann sterben müsse, wenn er ein Beet zu besäen ver- 
gessen? Werden namentiüeh in Betreff des Flachses sinnbildliehe 
Handlungen vorgenommen, welche bewirken wollen, dass er rectal 
hoeh wachse? 

6) Giebt es zumal abergläubische Schutzmittel und Gebräuche zur 
Sicherung des Saatfeldes gegen Raupen, Käfer, Mäuse und Maul« 
würfe? 

6) Sind insbesondere Qebräneke beim Schneiden der ersten Aehren 
auf dem Ackerfelde bewahrt, so dass man etwa die easteor zwei 
Handvoll Aehren kreuzweise schneidet? dass man von Kindern 
unter sieben Jahren die ersten Halme schneiden lässt? Wird die 
erste Garbe fbr die Mäuse in die Scheuer gelegt? Wird damit 
irgend etwas anderes besonderes vorgenommen? 



46 

7) Bringen -die Schnitter nach Beendigung des Kornschnftts und vor 
de« Binden der Garben dem Gnteherm eine Emt^rene, resp. ein 
Aefarenbttschel? Wie sind diese gestaltet? und was sagen oder 
singen die Ueberbrii^er? 

8) Ein besonderes Augenmerk bittet man auf die folgen- 
den Fragen zu richten! 

Sind insonderheit beim Schneiden der letzten Halme 
auf einem Ackerfeld, beim Binden der letzten Garbe und 
beim Ausdreschen des letzten Gebundes noch besondere 
alterthümliche Sitten yorhanden? In vielen Orten SUd- und Nord- 
deutschlands wird die letzte Garbe in Gestalt eines ThJeres ge- 
formt, oder mit dem hölzernen Bilde eines solchen Thieres ge- 
schmückt. Es ist das je nach den verschiedenen Landschaften ein 
Schwein, Wolf, Bock, Hahn, Hase oder eine Kuh und die letzte 
Garbe erhält darnach selbst Namen, wie „die Roggesau, der Halm> 
bock, der Wolf, der Hahn, der Hase" u. s. w. In das letzte 
Flaohsgebund wird zuweilen eine lebende KrSte eingebunden. In 
anderen Landschaften, die sich von Schottland und England durch 
ganz Deutschland bis in den slavischen Osten hinziehen, verfertigt 
man aus der letzten Garbe eine Puppe, welche Menschengestalt 
hat, bald einen Mann, bald eine Frau darstellt, hie und da mit 
Kleidern ausgeputzt ist, oft nur mit Blumen und Bändern, mit- 
unter schmucklos mit roher Andeutung von Kopf, Armen und Gte- 
schlechtetheilen. Diese Puppe ftlhrt Namen, wie engl. Harvest- 
dame (Emtefvau), Maiden (Jungfrau), Kimdolly, Kirnbaby (Kom- 
pnppe), deutsch Kommutter, grosse Mutter, Weizenbraut, Hafer- 
brant, de-r Alte, die Alte; die alte Hure; das Kommännchen, 
dänisch Bygkjaelling, Fok, Fukke, den Gamle; wendisch Pucel, 
polnisch Baba, Stary, B^nkart (uneheliches Kind), P^pek (Nabel). 
Verfartigen mnss die Kompuppe, wer die letzten Halme schneidet 
oder die letzte Garbe bindet Man ruft ihm zu: „in der Garbe 
'Sitze -der Bock, der Hahn u. s. w. drin*; „er habe den Alten 
und mttsse ihn behalten". Die Puppe wird hoch auf dem Ernte- 
wagen zur Scheune gefthrt und hier vielfach mit Wa^»er be- 
gossen. Beim Ausdresohen wird aus dem letzten Gebund häufig 
wieder eine solche Puppe gemacht und diese von der Person, 
welohe den leteten Drisehelschlag machte, einem Nachbar, der 
noch nicht ausgedroschen hat, auf die Tenne geworfen. Diese 
Person selbst wird in eine Grarbe gebunden dnrchs Dorf gekarrt 
'Es folgt ein Festmahl, bei welchem mitunter die Puppe abermals 
in Gestalt eines Kuchens auf den Tisdi kommt. Noch anderswo 
heisst die letzte Garbe: GlUokskom, Stamm, 'Muttergarbe, Ver- 
gddenddl, Rfttschvogel, Hörkehnay u. s. w. 

Sind nun derartige Sitten anch in Ihrer Gegend, wenn auch 
nur in Besten, noch erhalten? Wie nennt man die letzte Garbe? 
Was ruft man demjenigen, der sie bindet (resp. die letzten Halme 
schneidet), zu? Wird die Puppe nach jeder Frucht (Roggen, 
Gerste, Weizen, Erbsen, Hafer, Kartoffj^ln u. s. w.) gemacht? 
Wird in die letzte Garbe ein Stein eingebunden? Eine kleine 
Zeichnung der Kornpnppe wäre erwünscht. Was ge- 
schieht mit der Emtepuppe auf dem Hofe? 
9) Bisweilen bleibt die letzte oder die erste Gai^be, vesp. Flaohs- 
gebnnd, «nf dem Acker stehen, wie man sagt, für den Wdd, die 



46 

Schaaerjangfranen, die Zwerge, das Bergmandl, die Klosterbrüder, 
den Bettler. Man besprengt sie dann bie und da mit Bier oder 
Wein. Auch bleibt wol ein Strich Getreide oder eine Ecke des 
Feldes nnabgemähl für die Armen. Sind etwa solche Bräuche bei 
Ihnen Üblich? Man bittet vorkommenden Falls um ins Einzelne 
gehenden Bericht. 

10) In einigen Orten üben die Erntearbeiter das Recht, dem Baaem 
die Kohlkopfe im Garten abzuschneiden, wenn er sie beim 
Einfahren des letzten -Fuders nicht bewirthet. Besondere Ge- 
bräuche werden in Bezug auf das Umwerfen des heimkehrenden 
Erntewagens beobachtet. Weisz man in ihrer Gegend etwas von 
diesen Dingen? 

11) Hie und da wird nach dem Anmähen der sogenannte Klieben- 
busch, die Austbalje oder das bunte Wasser gemacht, d. h. ein 
Klettenbusch wird mit Stachelbeeren und Johannisbeeren zusammen 
in einen Zuber mit Wasser gelegt und das Ganze mit Donner- 
nesseln bedeckt, worauf die Anwesenden wetteifernd die Früchte 
herauszugreifen suchen. Auch bei Ihnen? Wie ist der genaue 
Hergang? Wird ein Reim dabei gesprochen? und welcher? 

12) Wird mit „dem Bringen des Alten** verbunden oder fUr sich 
allein von den Arbeitern am Schlüsse der Ernte eine Erntekrone 
(Weizenkrone u. s. w.) gebracht? Wie geht es dabei des Nähe- 
ren her? Was sagen, singen, wünschen die Leute dabei der guts- 
herrlichen Familie und anderen Personen? Giebt es dabei altertüm- 
liche Tänze? Wenn es sein kann, wird eine genaue Aufzeichnung 
der Texte in der Sprache oder Mundart des Volkes erbeten. 

18) In welcher Weise wird das Erntefest, die Emtemahlzeit auf dem 
Hofe begangen? Führt es noch einen anderen Namen, z. B. 
Ansthochzeit, Sichellöse, Drischelhenkete , Stoppelgans, Hahn, 
Wodelbier u. s. w. Welche Speisen und Getränke werden dabei 
verabreicht? In welche Zeit fällt das Fest? Ist es etwa mit der 
Kirmes vereinigt? Hort auch bei Ihnen mit dem Erntefest das 
zweite Frühstück des Hofgesindes während des Winters auf? 

14) Wann und wie wird bei Ihnen das kirchliche Erntefest begangen? 
Werden auch noch andere auf den Ackerbau bezügliche gottes- 
dienstliche Feiern veranstaltet? 

15) Giebt es bei Saat und Ernte noch besonders kirchliche und christ- 
liche Sitten, wie die Saat im Namen der heil. Dreieinigkeit aus- 
zustreuen, bei der Ernte auf dem Felde gemeinsam zu beten, bei 
der Kommunion nach der Ernte einige Aehren mit etwas Geld auf 
dem Altar zu opfern u. s. w. ? 

16) Wie lautet der Grusz bei der Ernte? 

17) Werden nach der Ernte Freudenfeuer angezündet? 

18) Sind in Bezug auf die Ernte und wieder besonders in Betreff der 
letzten Garbe abergläubische Meinungen im Schwange, wie die, 
dass man von letzterer zu Weihnachten oder im Frühling dem 
Yieh zum besseren Gedeihen etwas in die Krippe legen müsse? 
Dass im nächsten Jahre heiraten oder sterben werde, wer die 
letzte Garbe bindet? Giebt es sagenhafte Erzählungen, die auf 
Saat, Ernte und Saatfeld bezüglich sind? 

19) Giebt es unter dem Volke einen besonderen Ausdruck dafür, wenn 
der Wind im Korne Wellen schlägt (wie : der Eber geht im Korn, 
die Wölfe jagen sich im Korn, das Korn wölket, webt n. s. w.)? 



i 



47 

20) Hat man eine besondere Redensart, um die kleinen Kinder vom 
Verlaufen in ein Getreidefeld abzuhalten (wie: die Kornmutter, die 
Baba, Babajedza, Zitnamatka, wendisch Sserpashija sitzt im Korn 
und drückt die Kinder an ihre eisernen Brüste! Der Wolf sitzt 
im Korn u. s. w.) ? Man bittet genau in der Sprache oder Mund- 
art des Volkes anzugeben, wie dasselbe sich ausdrückt. ^ 

21) Weisz das Volk noch irgend etwas weiteres von der Roggen- 
muhme, Kornmutter u. s. w. zu erzählen, oder sonst von 
einer Frau, von männlichen Wesen, die sich im Getreide sehen 
lassen? 

Erzählt man von einem gespenstigen Weibe, welches um die 
Mittagszeit durch das Saatfeld wandele? finongermilr? wendisch 
Pripolnica? Was wird von diesem Wesen ausgesagt? Erzählt 
man Sagen von schreienden Säuglingen, die im Getreide gefanden 
wurden? Spricht man von Heiligen, Helden u. s. w., welche 
durch die Felder schreitend das Korn fruchtbar gemacht haben 
sollen? 

22) Sind Ihnen aus Ihrer Gegend Sagen bekannt vom fliegenden 
Drachen (wendisch zitni zmij), von Zwergen, Kobolden u. Hexen, 
welche den Bauern das Korn vom Felde stehlen und es durch die 
Luft Anderen zutragen? Ist bei Ihnen dem Landvolk der Glaube 
vom Pilwis, Bilmesschnitter oder Bilsenschnitter bekannt, einem 
dämonischen Wesen oder Zauberer, welcher mit kleinen 
Sicheln an den Füssen bewaffnet durch die eben reifenden Ge- 
treideäcker gehen soll und die Aehren durchschneiden, worauf die 
Hälfte des Ertrages in -seinen Kasten fliegt? 

28) Sind Witterungsregeln in Bezug auf das Komwachsthum unter 
dem Volke bekannt, wie: „Wenn der Wolf im Mai im Saatfeld 
liegt, die Last des Kornes die Scheuer biegt**? 

24) Bleibt bei altgläubigen Leuten die letzte Frucht der Obstbäume 
auf dem Baume? eine Handvoll Mehl im Kasten? 

25) Führt das sogenannte Mutterkorn (secale cornutum, frz. ergot) noch 
andere Namen unter dem Volke, z.B. Kommutter? Roggenmutter? 
Wolf? Hasenbrod? 

26) Sind Thiere in der Volksmundart nach dem Getreide benannt? So 
die Maulwurfsgrille (gryllns gryllotalpa) : Kdmwolp. Ein gewisser 
Nachtfalter: Komvögelchen , seine Raupe: Kornwolf, Korn- 
made. Die Libelle: KomjuDgfer, Kommoder. Die langfUssige 
Komspinne: Habergeisz. Die kleine Nachteule (strix aluco) : 
Habergeisz. Die Heerschnepfe (scolopax gallinago): Hawerbock, 
Habergeisz. 

27) Giebt es besondere an die ^irchenfeste Fastnacht, Gründonnerstag, 
Ostern, Pfingsten, Joh. Baptista, und zumal Weihnachten ge- 
knüpfte Gebräuche und abergläubische Meinungen, welche auf Saat 
und Ernte Bezug haben, z. B. dass man in der Christnacht die 
Sterne zählen müsse; so viele man deren zähle, so viel Mandel 
Garben werde es in der Ernte geben. Oder ist es Sitte, sich in 
der Christnacht auf ungedroschenem Erbsenstroh zu wälzen, in die 
Wintersaat hinauszugehen u. dgl., um auf den Ertrag des nächsten 
Jahres einzuwirken? Gehen zu Weihnachten, Fastnacht u. s. w. 
der Erbsenbär, Habergeisz u. s. w., in Getreidestroh gehüllte Ge- 
stalten um, und was sagt man von diesen? 

28) Giebt es Redensarten, Kinderspiele n. dgl., in welchen das Wort 



48 

s 

KornbofJk oder Roggenwolf u. dgl. noch vorkommt? Wie lauten 
die? Findet sich noch irgendwo der Glaube, dass die Komwolfe 
die Söhne der Kommntter seien? dass die Seelen der Kinder, 
welche der Kornwolf frisst, bis zum Einfahren des Getreides nnt- 
herflattem müssen? Oder ähnliche Dinge? 

29) Gibt es eigenthttmliche Ausdrücke für Winde und Wolkenforma- 
tionen, wie: Stepke, Sauzagel, Schweinedrek =: Wirbelwind ; Bnll- 
kater, Oohsen, Lttmmchen, Gmmmeltom ^ Wolken) ? Schüttet man 
bei Wind oder Hagel Mehl zum Fenster hinaus? Suchen alt- 
modische Leute noch in Zeiten der Dürre Regen herabzulocken, 
indem sie in Laub gekleidete Personen mit Wasser begiessen? 

80) Ist es Sitte, den Gutsherrn, wenn er zum ersten Male aufs Emte- 
feld kommt. Fremde , welche dasselbe besuchen, mit einem Kom- 
bande zu binden? Welchen Spruch braucht man dazu? Oder ist 
eine andere Weise im Gebrauch, um von den Besachem des 
Emtefeldes ein Trinkgeld zu erbetteln? 

31) Kommt in- und auszerhalb der Erntezeit das Hahnschlagen oder 
Hahnköpftn bei Ihnen vor? 

82) Ist oder war es bei Hochzeiten Gebrauch, der Braut Getreide- 
ähren zu überreichen, Getreidekomer in die Schuhe zu legen, und 
Aehnliches? 

88) Wird oder wurde beim Dreschen ein noch Unerfahrener gehänselt, 
indem man ihn z. B. nach einem Wind sack ausschickt? 

84) Man bittet, zu bemerken, was ehemals Gebrauch war, und was 
jetzt davon noch in üebung ist. 

86) Man bittet, den Namen und die Lage (Kreb oder Amt; 
Regierungsbezirk, Provinz) der Orte zu vermerken, wo die mitge- 
theilten Gebräuche vorkommen. 



Dr. Wilh. Mannhardt, 

PrivAtdocent der Berliner Universität, 
d. Z. Danzig, H^umarkt 5. 



*Y 29 1914 



▲.W. I^ehade's Bnehdrackerei (L. Schade) in Berlin, StaUschreiberstr. 47.